Kommerzialisierung in der Medizin oder #EmamiSchreibt für #Twankenhaus

23. September 2020

Es freut mich, dass in den letzten Monaten das Thema Kommerzialisierung in der Medizin zunehmend wahrgenommen wird. Dabei richtet sich das Augenmerk oft auf Fragen wie die Rolle privater Krankenhausträger, den wachsenden Anteil nicht-medizinischer Kapitalgeber und Träger im Bereich medizinischer Versorgungszentren und den zunehmenden Einfluss von Kaufleuten in Krankenhäusern u.ä. 

Alles berechtigte Punkte, alles wichtige Probleme, über das alles müssen wir gemeinsam reden und uns Gedanken machen. Was mich aber persönlich bewegt und interessiert, ist die Frage, wo wir uns als Ärzt*innen in diesem ganzen Prozess sehen. Im Klartext: Sind wir bereit aufzuarbeiten, welchen Anteil wir daran haben, dass die Dinge heute so sind wie sie sind? 
In den 90er Jahren zeichneten sich leitende ärztliche Kräfte dadurch aus, dass sie vehement leugneten, dass es zu ihren Aufgaben gehört, eine Abteilung oder Klinik zu leiten. Personalführung? Ein Fremdwort! Ökonomische Notwendigkeiten? Wurden nicht wahrgenommen! Veränderungswunsch und Gestaltungswillen? Fehlanzeige!

Das äußerst konservative Verständnis der Ärzteschaft von Führung, ihr Desinteresse für Leitungsfragen und für ökonomische Belange und selbstgefällige Trägheit haben schlussendlich dazu geführt, dass nun andere in der Position sind, Entscheidungen zu fällen, Veränderung herbeizuführen und (so empfinden wir das) das Zepter an sich zu reißen. Gerade im stationären Bereich werden Ärzt*innen weitestgehend von den unternehmerischen Entscheidungsfragen herausgehalten und nicht mehr angehört (man bedenke: Unternehmerische Entscheidungen waren selbstständigen, ambulant tätigen Kolleg*innen auch in der Vergangenheit ja nicht ganz fremd – sie hatten naturgemäß ein „natürliches“ Verhältnis zu diesem Thema entwickelt, das im Rahmen ärztlich-ethischen Verständnisses dennoch ökonomische Notwendigkeiten berücksichtigte).

Auf diese Entwicklung wurde häufig mit noch mehr Trotz reagiert. Wer kennt nicht den Klassiker: „Ich bin ja schließlich Arzt und kein Kaufmann!“ Damit haben wir uns endgültig aus der Verantwortung in Richtung noch mehr Abhängigkeit verabschiedet. Die ärztliche Arbeitnehmerbewegung Mitte der 2000er Jahre war ein zweischneidiges Schwert. Während völlig berechtigte Anliegen, wie etwa Arbeitszeitfragen, Vertragslaufzeiten und eine faire Bezahlung, endlich Gehör fanden, führte diese Entwicklung indirekt dazu, dass die Ärzt*innen im Krankenhaus zunehmend als ausführende Kräfte und Angestellte wahrgenommen wurden. Damit hatten sie sich weiter von der gestaltenden Ebene entfernt. 

Parallel hierzu und als Abfallprodukt der Führungs- und Managementdiskussion entwickelte sich – befeuert durch Bestrebungen aus der Politik – die in der Öffentlichkeit und Medien häufig propagierte Ansicht: „Das Krankenhaus ist ein Betrieb wie jeder andere“. Auf perfide Weise schlich sich damit die Annahme ins Bewusstsein, dass das Anliegen von Patient*innen genauso zu behandeln wäre wie das Herstellen von Produkten oder der Umgang mit anderen Dienstleistungen. Das DRG-System tat dann sein Übriges dazu. Und da sind wir nun…

Bei dieser, sicher subjektiven, aber wie ich meine, nicht ganz unberechtigten Analyse geht es mir nicht darum, uns selbst zu geißeln oder Schuldige auszumachen (allenfalls nur ein bisschen), sondern vielmehr geht es mir um die Frage, was machen wir in der Zukunft? Ich bezweifle, dass sich der Aufgabenbereich der Ärzt*innen wieder in Richtung der 1980er Jahre bewegen lässt (zum Glück nicht). Nein, wir haben ganz andere Herausforderungen vor uns; nämlich: Wie dämmen wir unter aktuellen Gegebenheiten den Einfluss von Kommerz auf die Medizin ein? Mit der Digitalisierung werden nun ganz neue Akteure Einzug finden in das Gesundheitswesen. Wenn wir uns auch hier weigern sollten, die neuen Gegebenheiten anzuerkennen, die Digitalisierung mitzugestalten und uns kompetent einzubringen, wird sich die Geschichte wiederholen: „Ich bin ja schließlich Arzt und kein Informatiker“…

Aber wenn wir ernst genommen werden wollen, dürfen unsere Antworten sich in der Zukunft nicht nur auf ein „Nein“ beschränken, sondern auch immer Alternativvorschläge beinhalten, die das Wohl der Patient*innen einerseits, die medizinischen Notwendigkeiten andererseits aber immer auch das sinnvolle sozialökonomische Maß im Auge behalten und moderne Technologien genauso wie auch gesellschaftliche und ethische Entwicklungen in diese Überlegungen mit einbeziehen. Und genau dafür gibt es die verfasste Ärzteschaft. Genau dafür müssen wir geradestehen, anstatt uns in unseren Ämtern und Aufgabenbereichen ausschließlich als Verwalter zu betätigen und uns hinter althergebrachten Strukturen von gestern zu verstecken.

Pedram Emami