Ich hab doch keine Zeit…

18. September 2020

Häufig höre ich von Patienten auf die Frage nach regelmäßigen sportlichen Aktivitäten, dass neben Alltag und Beruf keine Zeit für die eigene Gesundheit bleibt. Wir im Gesundheitswesen sehen diese Menschen dann erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist bzw. Krankheitssymptome auftreten. Schmerzen korrelieren laut Studien häufig mit vermehrtem Stress und Depression. Nachzulesen bei z.B. Wippert&Wiebking 2016

Aber warum nehmen sich die Menschen keine Zeit für sich selbst? Dies nennt man auch Prävention.

Per Definition:
Prävention ist ein Sammelbegriff und bezeichnet daher alle Maßnahmen, um Risiken für Krankheiten zu verhindern und zu vermindern (sogenannte primäre Prävention), Krankheiten frühzeitig zu erkennen (sogenannte sekundäre Prävention) sowie Krankheitsfolgen zu mildern und die Verschlimmerung von Krankheiten zu verhindern (sogenannte tertiäre Prävention). Zur primären Prävention zählen etwa regelmäßige körperliche Bewegung, ausgewogene Ernährung, Erholung und das Erlernen von Stressbewältigungsstrategien.
Natürlich ist das langweilig bzw. anstrengend! Gewohnheiten ändern mag unser Gehirn gar nicht. Viel leichter ist es doch, Abzuwarten (früher ging’s ja auch einfach wieder weg), Tabletten gegen die Symptome einzuwerfen oder es auf die Genetik zu schieben (mei Mudder hatte aa scho Zucker).
Inzwischen ist bekannt, dass unsere Gedanken und Gewohnheiten Einfluss auf unsere Gene nehmen.
Einfach gesagt, unsere Gedanken und Nährstoffe sorgen für bestimmte Ausschüttung von Hormonen (z.B. Stresshormone), diese aktivieren bestimmten Gensequenzen und manifestieren das im Erbgut. Ein erworbener Diabetes kann bis zu 90% wieder geheilt werden durch Ernährungsumstellung und Sport! (Lean, Leslie et al 2017 )

Warum also wird im Gesundheitswesen kaum Wert auf Prävention gelegt bzw. wird das nicht beworben?
Dazu eine kleine Geschichte aus meinem Berufsalltag.
Als ich noch in der Praxis arbeitete, boten wir auch sog. Präventionskurse für die KK mit den grünen Buchstaben an. Dafür musste ich extra die Rückenschul-Lizenz erwerben.

1. Es kostet Geld (ca. 500€ und Zeit).
Danach konnten wir “Rückenschule” anbieten. Für weitere Kurse musste ein Konzept erarbeitet werden, dass dann von der Zentralen Prüfstelle für Prävention genehmigt werden muss. Soundsoviel Theorie, Aufwärmphase, Gruppen- und Raumgröße, Materialien… alles schriftlich einreichen. Dann fehlt hier etwas, da ist zuviel Gerätetraining dabei…

2. Niemand bezahlt diese Arbeitszeit, außer der AG der die Kurse anbieten will! Das führt dazu, dass Kurse oft nur auf Selbstzahler-Privatkurse angeboten werden, und nicht zu 100% von der GKV bezahlt werden. Es wäre doch schön wenn die GKV, die ja ein Interesse daran haben, dass ihre Mitglieder gesund bleiben, kostenlos Konzepte für Anbieter zur Verfügung stellten, die dann abrechenbar wären. Nein, diese wollen auch Geld verdienen und lassen sich die Konzepte über Fortbildungskurse die von der ZPP zertifiziert sind, bezahlen.

3. Motivation der Patienten für die Gesundheit und Anstrengung Geld auszugeben sinkt. Außerdem fallen dann die Patienten durchs Raster, die sowieso im unteren Lohnniveau herumkrebsen, viele Überstunden (oft auch unbezahlt aus Angst vor Entlassung) arbeiten und höhere Risikofaktoren für Krankheiten haben, da sie sich gesunde (Bio-)Ernährung schlicht nicht leisten können.

4. Kaum ein Mensch liest die Hefte die regelmäßig von der KK verschickt werden, wo man so etwas erfahren könnte dass 2x im Jahr Präventionskurse gemacht werden können auf Kosten der Kasse. Dort stehen auch die Anbieter.

5. Die Patienten müssten, um adäquat Prävention anwenden zu können, sich ihrer Problematiken und Risikofaktoren bewusst sein. Das passiert aber erst, wenn sie einen Angehörigen der Gesundheitsberufe treffen und dieser sich dafür Zeit nimmt, die biopsychosozialen Faktoren abzuklopfen. Oder wenn man selbst Zeit hat, seine Gewohnheiten zu analysieren, was im Alltag kaum passiert.

6. Werbung. Sich um sich selbst zu kümmern, damit kann kein Geld verdient werden. Im TV werden NEM (Nahrungsergänzungsmittel) zur Verbesserung von allg. Fitness, Placebo- Medikamente z.B. gg Arthrose, Einlagen bei Beckenbodenschwäche etc. beworben. Damit verdient die Gesundheitswirtschaft. Dass durch andere Möglichkeiten diese Symptome behoben werden können, davon erfährt der Konsument über Werbung nichts. Meines Erachtens ist das das BMG in der Pflicht, dies zu ändern.

Ich bin (leider) Idealist.

Ich wünsche mir, dass jeder Mensch ein geregeltes Einkommen hat, sich Zeit nehmen kann für sich selbst, für Prävention und um Resilienz aufzubauen!
Dann würden wir als Therapeuten oder auch andere Menschen in Gesundheitswesen diese Patienten gar nicht zu Gesicht bekommen.

(C) Physio_Ergo