Warum brauchen wir eine elektronische Patientenakte?

17. Februar 2020

Anamnesen sind schwierig

„Blutdruck? Hab ich nicht! – „Und wozu die Blutdrucktabletten?“ – „Damit habe ich ja keinen hohen Blutdruck mehr.“ oder „Welche Tabletten nehmen Sie?“ – „Die kleinen weißen.“

Das Phänomen, dass Patienten nicht ausreichend über ihre Erkrankungen und Medikamente Bescheid wissen, begegnet uns immer wieder. Manchmal ist es nicht schlimm, es kann aber auch zu einer Patientengefährdung führen. Vergessene oder falsch angeordnete Medikamente, übersehene Allergien, Wechselwirkungen, Kontraindikationen – die Liste ließe sich weiter fortsetzen. In jedem Fall aber kostet es Zeit, diese Daten zusammenzutragen. Zeit, die wir im (prä-)klinischen Alltag eigentlich nicht haben.Mit einer elektronischen Patientenakte könnte über die Chipkarte einfach auf Diagnosen und Medikamente zugegriffen werden werden, im Idealfall auch durch den Rettungsdienst. Genauso wäre eine Anbindung an Apotheken nicht falsch, so könnten auch dort z.B. Wechselwirkungen überprüft und OTC-Medikamente vermerkt werden.

Mehrfachuntersuchungen vermeiden

„Wieso möchten Sie noch einmal Blut abnehmen? Der Hausarzt hat das doch erst gestern getan.“ –  „Wir können leider nicht auf die Werte zugreifen …“

Wenn man Befunde von Voruntersuchungen braucht, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder man telefoniert den Befunden hinterher und lässt sich diese faxen oder man macht die Untersuchung noch einmal. Je nach Umfang ist leider doch der zweite Weg schneller. Sinnvoller ist das aber selten. In der Klinik hat man teilweise die Möglichkeit, einfacher auf Befunde zuzugreifen. Allerdings nur, wenn der Patient zuvor in genau dieser Klinik (oder im Klinikverbund) war. Auch der Verlauf von Laborwerten kann manchmal aufschlussreich sein. Ein erhöhter Wert kann seit Jahren stabil auf diesem Niveau sein und bedarf dann keiner so forcierten Abklärung wie eine plötzliche Veränderung.

Neben den Annehmlichkeiten für Ärzte und Patienten kann man damit auch Kosten einsparen. (An dieser Stelle einen Gruß an die Politik und Gesundheitswirtschaft!)

Was könnten Patientenakte und Digitalisierung im Gesundheitswesen noch leisten?

Die Patientenakte ist nur ein Anfang, dadurch werden weitere Möglichkeiten geschaffen, die sich entweder direkt integrieren lassen oder im Zuge der Digitalisierung zusätzlich implementieren ließen. Im Folgenden einige Idee, weitere Vorschläge sind willkommen.

Zugriff auf die eigenen Daten

„Frau Doktor, was haben die eigentlich im Krankenhaus gemacht, was ist dabei rausgekommen? Und muss der Augenarzt wirklich von meiner Analfissur wissen?“

Zugegeben, die persönliche Befundmitteilung ist immer noch eine wichtige ärztliche Aufgabe, aber manchmal bleiben Fragen offen oder man möchte sich selber über zurückliegende Untersuchungen informieren. Gleichzeitig ist es im Sinne der Transparenz und Kontrolle über die eigenen Daten wünschenswert, den Patienten einen Zugriff auf die in der Patientenakte gespeicherten Informationen zu ermöglichen. Denkt man noch einen Schritt weiter, könnte man den Patienten auch die Möglichkeit geben, ihre Daten und deren Freigabe an einzelne Ärzte selbst zu verwalten. Es gibt zahlreiche Gründe, warum man Befunde nicht in der Datenbank haben möchte, etwa die oben genannte Analfissur, die einem vielleicht unangenehm (und für fast alle anderen medizinischen Probleme nicht relevant) ist. Auch ein komplettes Opt-Out sollte möglich sein.

Voraussetzung dafür ist jedenfalls eine Möglichkeit des sicheren Zugriffs. Problematisch könnte auch die Verständlichkeit von Befunden für medizinische Laien sein. Hier sollte zusätzlich eine niederschwellige Anlaufstelle für „Übersetzungen“ und Fragen geschaffen werden, idealerweise durch eine direkt integrierte Funktion. (Neu ist diese Idee nicht, mit washabich.de gibt es bereits eine solche Hilfe für Papierbefunde.)

Elektronische Überweisungen, Rezepte und Verordnungen

„Können Sie mir bitte das Rezept noch einmal geben, ich finde es nicht mehr.“

Eigentlich nur eine logische Folge, wenn sowieso alle Ärzte, Apotheken und Heilmittelerbringer an die digitale Infrastruktur angeschlossen sind: Man kann endlich den Papierkram abschaffen. Bei Dauerrezepten müsste man vielleicht nicht einmal mehr persönlich zum Arzt gehen, nur um den Zettel abzuholen.

Gleichzeitig kann man auch die Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen vereinfachen, indem man z.B. kurze Zwischenbefunde oder neue Erkenntnisse (z.B. „aktive Physiotherapie nach Röntgenkontrolle jetzt möglich“) innerhalb einer laufenden Therapie auf einfache Weise übermittelt.

Einbindung von Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung

„Es gibt eine Patientenverfügung, aber die liegt irgendwo zuhause ….“

Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung sind wichtig. Genauso wichtig ist aber auch die Verfügbarkeit ebendieser. Sie bringen wenig, wenn sie nicht vorliegen oder gar nicht bekannt sind. In der Patientenakte ist diese gut aufgehoben – im Falle eines Falles kann schnell und einfach darauf zugegriffen werden. Spinnt man den Gedanken weiter, könnte man sogar in der Präklinik direkt beim Einlesen der Karte entsprechende Informationen wie z.B. DNR/DNI erhalten.

Einbinden von Impfdaten

Wisst ihr aus dem Kopf, wann eure letzte Tetanusimpfung war?

Es ist doch oft so, dass Impflücken gar nicht aufgrund einer negativen Einstellung gegenüber dem Impfen entstehen, sondern die Impfungen schlicht und einfach vergessen werden. Irgendwann will man den Impfpass schon noch beim Hausarzt vorbeibringen, wenn man ihn denn findet … und dann wird es doch vergessen.

Mit eingepflegten Impfdaten und einem schlauen Algorithmus kann man dem vorbeugen. Der Hausarzt wüsste genau, wann er den Patienten auf Impfungen ansprechen soll und Patienten könnten genauso automatisch informiert und erinnert werden. Und das Notaufnahmepersonal freut sich, wenn es nicht mehr nach dem Tetanusimpfschutz fragen muss.

Und noch mehr …?

Die Liste der Möglichkeiten ließe sich noch beliebig erweitern. Habt ihr denn Ideen, in welche Richtung es noch gehen könnte? Was erwartet ihr euch von der Patientenakte?

Ohne Nachteile geht es nicht

Gäbe es keine Nachteile, hätten wir die Patientenakte wahrscheinlich schon längst. An dieser Stelle möchte ich insbesondere auf die anderen Blogbeiträge verweisen, die sich diesem Thema gewidmet haben und gar nicht so in die Tiefe gehen.

Datenschutz & Datenzugriff

„Kann dann jeder auf meine Daten zugreifen oder sie hacken?“

Sensible Daten – und dazu gehören Gesundheitsdaten ganz besonders – müssen geschützt werden! Das gilt sowohl für die Speicherung als auch für den Zugriff auf die Daten. Die technische Umsetzung ist sicherlich eine Herausforderung und übersteigt meine Expertise. Der Datenzugriff müsste so geregelt werden, dass nur auf solche Informationen zugegriffen werden kann, die für die medizinische Behandlung notwendig sind. So strikt lässt sich das vermutlich nicht durchsetzen, aber dennoch kann man Beschränkungen einbauen. So kann man z.B. die zugriffsberechtigten Berufsgruppen definieren und die Abfrage an einen stattfindenden Arzt-Patienten-Kontakt knüpfen. Das lässt sich relativ einfach durch das Einlesen der Chipkarte überprüfen.

Datenflut

„Wie filter ich aus 1000 Befunden die relevanten Informationen heraus?“

Manche Patienten tragen momentan dicke Ordner mit Befunden zum Arzt. Durch die elektronische Patientenakte werden diese Befunde nicht weniger, sie müssen nur nicht mehr geschleppt werden. Das Filtern relevanter Informationen ist eine Herausforderung, eine einfache Suchfunktion reicht

oft nicht aus. Hier stellt sich die Frage, ob und wie hier Ordnung geschaffen werden kann und wer dafür zuständig sein soll. Eine Idee sind standardisierte Befunde mit einem automatischen Übertrag in eine Diagnosen- und Medikamentenliste. Die dafür zusätzlich anfallende Verwaltungsarbeit sollte dabei möglichst nicht an den Ärzten hängen bleiben.

Die Gesundheitsakte – Utopie und Realität 

Ein kurzer Blick über die Alpen.

„Moment, das gibt es doch schon!“

Lesern aus Österreich könnten einige Punkte bereits bekannt vorgekommen sein. In Österreich wird die Elektonische Gesundheitsakte, kurz elga, seit dem Jahr 2015 schrittweise eingeführt. Zahlreiche der oben ausgeführten Gedanken basieren auf diesem Projekt, das ich in den letzten Monaten als PJ-Studentin in Österreich etwas besser kennenlernen durfte.

Obwohl elga seit Ende 2019 endlich in ganz Österreich eingeführt wurde, gibt es noch einige Startschwierigkeiten. Die Mitarbeiter des Gesundheitswesens und auch die Bevölkerung stehen elga überwiegend positiv gegenüber, dennoch wird sie – zumindest in meinem PJ-Krankenhaus – noch kaum genutzt. Ein wesentlicher Grund hierfür könnte sein, dass wir durch unseren Klinikverbund und das gemeinsame KIS (Klinikinformationssystem) ohnehin auch ohne elga auf viele Befunde zurückgreifen können und damit seltener darauf angewiesen sind. Da in die Gesundheitsakte nur neue Befunde eingepflegt werden, bringt eine Abfrage momentan noch wenige Informationen. In manchen Fällen erwies sich die Abfrage aber bereits als nützlich, insbesondere die Medikamentenliste erleichtert unsere Arbeit sehr. Ich bin optimistisch, dass sich die Elektronische Gesundheitsakte gut etabliert und die Arbeit damit in einigen Jahren zur Selbstverständlichkeit wird.

Für Deutschland lohnt sich also – wieder einmal – der Blick ins Nachbarland. Österreich zeigt, dass ein solches Projekt umsetzbar ist. Natürlich ist es ein Mammutprojekt, welches noch einiges an Zeit und Geld in Anspruch nehmen wird. Im Sinne eines verbesserten Gesundheitssystemes wird sich diese Investition aber lohnen.

Wieder mal ein wundervoller Blick über den “Tellerrand” hinaus von unserem Teammitglied @doctor_katze.