Unsere Klinik geht „on the line*“ – oder: #KränklicheDigitalisierung im Krankenhaus

17. Februar 2020

Vor ein paar Jahren wurde uns angekündigt, die digitale Patientenakte sollte kommen. Start wäre die Intensivstation mit einem eigenen System.

Zu meiner Ausbildungszeit auf Intensiv (2012) gab es noch riesige (DIN A3 oder DIN A2?) Kurvenblätter mit mehreren Seiten pro Tag, in die alle Werte, Ereignisse, Medikamente, Perfusoren etc. eingetragen wurden und wenn man Nachtdienst hatte, musste man die für jeden Patienten für den nächsten Tag vorschreiben, sprich die Medikamente etc. fehlerfrei übertragen.

Hierzu ist vielleicht noch erwähnenswert, dass in derselben Stadt an der Uniklinik bereits seit bestimmt 10 Jahren ein gut funktionierendes digitales System auf einzelnen (!) Intensivstationen in einem (!) Haus existierten.

Nun war es also am Stadtrand so weit. Ich mache es mal kurz, weil ich nicht live, sondern zwei Stockwerke höher (Klinik f. Innere Medizin, 3. OG) dabei war: Ein Jahr lang liefen beide Systeme (analog und digital) parallel, die Dokumentationsarbeit war also verdoppelt. Einmal um die Patienten zu schützen, damit keine Fehler während der „Umstellung“ passierten, der andere Grund war aber, dass das System so viele Fehler hatte, dass die doppelte Dokumentation viel länger aufrechterhalten werden musste, als geplant (3 Monate).

Mit den befreundeten Pflegekräften konnte man in diesem Jahr kaum sprechen, ohne die Klagelieder über den deutlich erhöhten Arbeitsaufwand zu hören. Die Assistenzärzte auf Intensiv schüttelten meist nur müde die Köpfe, es fielen Worte wie „unübersichtlich“, „Datentransfer klappt immer noch nicht“, „niemand kann im Personalnotstand einspringen, denn es können nur noch Leute da arbeiten, die eingewiesen sind“.

Nicht falsch verstehen! Früher war nicht alles besser! Aber alle fühlten sich von den Software-Betreuern im Stich gelassen und mit Blick auf andere Kliniken, bei denen es positive Erfahrungsberichte über die Digitalisierung der Stationen gab, hinterließen das Gefühl, dass hier evtl. ein Produkt erworben worden war, weil es billiger als Konkurrenzprodukte war.

Und hinzu kommt: Niemand von den Anwendern wurde in die Planung mit einbezogen. Sprich, dass man verschiedene Systeme vorgestellt bekommen hätte und sich im Vorfeld ein Bild hätte machen können: „Welches System ist praktikabel und passt zu unserer Stationsstruktur?“. 

Gerade die Pflegefachkräfte, die deutlich mehr dokumentieren müssen auf so einer Station, wurden sehr alleingelassen.

Naja, irgendwann (nach über einem Jahr) lief es.

Nun waren die Normalstationen dran. Mit einem völlig anderen System. Sprich, wer von der Intensivstation kam, hatte keine Ahnung, wie es im Rest des Hauses lief.

Begonnen wurde in der Abteilung für Geriatrie. Dann kam die Abteilung für Innere Medizin und nach und nach der Rest.

Gynäkologie und Pädiatrie kamen ganz zum Schluss und hatten noch ein Jahr später Papierkurven.

Nicht so wichtig? Naja. Überlegen wir mal, was passierte, wenn Patienten von einer in die andere Abteilung verlegt werden mussten. Das Personal auf den analogen Stationen war nicht eingewiesen und hatte noch keine entsprechenden Programme auf den Stationscomputern, geschweige denn Visiten-PCs. Die Patienten kamen aber von den digitalen Stationen natürlich ohne Unterlagen.

Im Laufe der Zeit verschwanden diese Probleme und Irritationen natürlich, aber wir vom Personal wunderten uns schon des Öfteren, ob solch ein Vorgehen in einem Konzern wie VW, Siemens, Deutsche Bank, Microsoft überhaupt denkbar gewesen wäre.

Hinzu kommt, neue Rechner gab es nicht. Und jeder Krankenhausmitarbeiter wird mir zustimmen: Die Rechner sind unglaublich langsam und lassen einen oft verzweifeln.

Nun aber genug des Gejammers. 

Die Vorteile:

Wenn man sich (insbesondere optisch) an das System gewöhnt hatte, wusste wo Pflegedoku/Physioberichte/Medikamentenanordnungen zu finden waren und man aufgehört hatte, den dicken Papierakten zum Blättern nachzuweinen, wurde es super!

Mir fiel es lange Zeit schwer, den Überblick über die Medikamente und die Vitalparameter (also Blutdruck, Temperatur, Herzfrequenz) zu behalten, da diese zu Zeiten der Papierkurve übersichtlich auf einen Blick erfassbar waren.
Mir fehlte es lange Zeit, dass das Labor mittags per Ausdruck auf Station geholt wurde, in meinem Fach landete und ich so nichts übersah. Jetzt musste ich ja aktiv danach im PC suchen.

Aber auch als Gewohnheitstier gewöhnt man sich daran!

Umständlich waren und sind die Medikamentenanordnungen. Denn trotz Hauptstadt-Klinik: Vom seit 2016 existierenden bundeseinheitlichen Medikationsplan hatte noch keiner gehört.
Man musste jedes einzelne Medikament händisch eingeben, das Präparat finden, welches via Rabattverträgen im Haus vorrätig ist etc.

Einige Zeit später wurde auch das onkologische Zentrum, und damit die Chemotherapie-Rezepte, auf digital umgestellt. Aber zunächst nur auf der internistischen Seite, die Gynäkologie (mit reiner Papierdoku auf allen Stationen) kam einem vor wie steckengeblieben in grauer Vorzeit.

Auch diese Programme erleichterten und erschwerten viel. Und wieder wunderten wir uns, denn wir waren ja nun wirklich nicht das Pilot-Projekt der Digitalisierung, sondern eher im Mittelfeld. Es gab doch schon jahrelange Erfahrungen.

Hier muss ich aber sehr lobend erwähnen: Die Firma, die das Onko-Programm entwickelt hatte und in Süddeutschland stationiert ist, war immer ansprechbar bzw. erreichbar.
Ich habe oft mit einem der Entwickler telefoniert, Probleme besprechen können (bzw. teilweise Probleme entdeckt, die für große Überraschung gesorgt haben, dass „so etwas passieren kann“, an denen wir alle aber gelernt haben) und zeitnahe (!) Lösungen bekommen.

Dann wechselte ich die Klinik und damit zu einem völlig anderen Computersystem.

Es fiel mir nicht schwer, mich in dem neuen System zurecht zfinden, aber der „gewohnte Blick“ sorgt schon dafür, dass weniger Fehler passieren. Ich merkte, wie viel achtsamer ich sein musste.

Ein Beispiel sind die EKGs in der ZNA. Im alten Haus hatte man direkt beim neuen evtl. kritischen Patienten einen Ausdruck in der Hand, konnte darin Abstände messen/herummalen …
Man hatte es eben gleich gesehen und bearbeitet.

Im neuen Haus ist alles digital.
Zu Anfang habe ich oft vergessen bzw. verspätet EKGs befundet, eben weil ich gewohnt war, sie gleich in die Hand gedrückt zu bekommen.

Und ich habe unterschätzt, wie viel Gehirnkapazität von alleine so einem Wechsel beansprucht wird.

Und hier aber gern wieder Umschalten in einen positiv-Bericht:

In der neuen Klinik läuft das System deutlich besser. Schneller, mit mehr Möglichkeiten. Man kann direkt in jeden PC (stationär oder mobil) diktieren.
Man kann den (in den meisten Fällen vorhandenen) bundeseinheitlichen Medikationsplan einscannen und hab ihn im System. UND: Das System weist einen auf Allergien und Interaktionen bei den Medikamenten hin!

Die Kollegen waren erstaunt von meiner Begeisterung für die Schnelligkeit der Rechner und der Möglichkeiten des Systems … für sie waren die Rechner furchtbar langsam und das Gestöhne, was alles nicht funktioniert, sehr laut.

Aber wie es so schön heißt: Schlimmer geht immer. Und was ich aus dem „alten“ Haus zu berichten hatte, kam ihnen unglaublich vor.

Und ich glaube, daran hapert es auch: am Austausch. Am Blick über den Tellerrand. Wie machen es andere Länder, was läuft da gut (abgucken!), was schlecht (weglassen!).

Eine Frage stellen wir uns aber alle (zumindest die Leute, mit denen ich bisher zusammengearbeitet habe):

Würden die großen Konzerne es einen Tag aushalten unter den Bedingungen der Beschäftigten im Gesundheitssystem zu arbeiten?
Wir würden gern mal spicken gehen bei Siemens, Audi, Microsoft, Apple, Google …
Ich glaube, im Vergleich zu denen arbeiten wir auf Steinzeit-Niveau.

Und das aber nicht an Berechnungen zur Gewinnmaximierung, Datenspeicherung etc. sondern an Menschen. 

Menschen, die uns und unsere volle Aufmerksamkeit brauchen. Wäre es das nicht wert, besseres Equipment bereitzustellen?

Danke fürs Lesen sagt 3_Jungsmama

*on the line