Digitalisierung, Apps, Online-Sprechstunde aus Patientensicht

14. Februar 2020

Als Patientenvertreterin des Twankenhaus bin ich um einen Blogbeitrag gebeten worden, um aus Patientensicht meine eigenen und sehr persönlichen Überlegungen zum wichtigen Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen einbringen zu können. Mache ich gerne, aber Vorsicht – ich bin fast gnadenlos pro eHealth/Digitalisierung! 😉 

Man kommt um das Thema ja auch nicht mehr herum, spätestens seit Jens Spahns „Digitale Versorgung Gesetz“ und das ist auch gut so. Wir leben in einer immer mehr globalisierten Gesellschaft und da gibt es halt noch einige Staaten, die den Datenschutz weit vor den Fortschritt stellen. Deutschland gehört zweifellos zu diesen Zauderern und zu denjenigen, die stets nach Perfektion streben, diese nicht erreichen und daher lieber erst mal gar nichts machen.

Bitte nicht falsch verstehen, Datenschutz ist immens wichtig und man muss immer das zur jeweiligen Zeit Mögliche unternehmen, um diesen so gut es eben geht zu gewährleisten. Gesundheitsdaten sind die sensibelsten Daten die wir haben und diese sollten nicht in falsche Hände gelangen. Aber – und diesem Fakt sollte man sich auch mutig stellen – einen 100 %igen Schutz unserer Daten wird es nie geben! Das wäre unrealistisches Wunschdenken und so lange dieses in unseren Köpfen rumgeistert, wird man sich nie den sagenhaften Möglichkeiten öffnen können, die uns die Digitalisierung bieten kann. 

Wie kann ich als Patient also profitieren von den modernen Möglichkeiten? Starten wir doch gleich mal mit den Apps, die heute kaum mehr wegzudenken sind aus der Versorgung im Gesundheitswesen. Die MigräneApp der Schmerzklinik Kiel und der Techniker Krankenkasse ist eins der positiven Beispiele. Nicht nur, weil ich sie mitentwickelt hatte. ☺ Die App bietet alles an Dokumentation, was eine gute Gesundheits-App bieten muss. Zusätzlich diverse Tools, um die Erkrankung gut und umfassend managen zu können. Und ja, tatsächlich einen 100 %igen Datenschutz. Um diesen zu gewährleisten, wurde auf die Sync-Möglichkeit per Cloud verzichtet. Für die Zukunft könnte ich mir aber gut vorstellen, Apps einzubinden in ein großes System wie die digitale Patientenakte. Die Statistik der Migräne-App kann dem Arzt per Mail zugeschickt werden, sofern man als Patient dieser Möglichkeit aktiv zustimmt. Schon vor dem Termin in der Praxis hat der Arzt die Daten der letzten Monate vorliegen, so dass der Behandlungsplan schnell erstellt, optimiert und besprochen werden kann. Viele weitere Features bewirken, dass man sich vollumfassend zu seiner Erkrankung informieren kann und somit sein eigener Anwalt wird. Weitere seriöse Apps rund um die Gesundheit unterstützen heute bereits im täglichen Leben und erleichtern das Leben ungemein. Die Zeiten sind vorbei, als man seine Krankheit einfach nur beim Arzt abgeladen und sich selbst um nichts mehr gekümmert hatte. Heute kann man als Patient aktiv mit eingreifen in seinen Krankheitsverlauf, sich einbringen, mitentscheiden und muss sich kaum mehr der Erkrankung hilflos ausgeliefert fühlen. 

Ein weiteres großes Plus für Patienten ist die Online-Sprechstunde. Besonders die Versorgung auf dem Land lässt zu wünschen übrig: immer weniger LandärztInnen, große Entfernungen, die zurückgelegt werden müssen, immobile PatientInnen uvm. bewirken, dass PatientInnen nicht mehr die Versorgung zukommt, die wünschens- und empfehlenswert wäre. Auch Berufstätige hätten einen Vorteil und könnten einen Arztkontakt viel besser organisieren. Die Online-Sprechstunde füllt hier eine Lücke, die sonst einfach offenbliebe. Die Ärztin/der Arzt muss die Patientin/den Patienten natürlich bereits kennen und während des Gesprächs in die digitale Akte sehen können.

In der Selbsthilfe erlebe ich regelmäßig, wie lange SchmerzpatientInnen auf Termine warten müssen und dass wichtige Frage nicht eben mal kurzfristig mit dem Arzt abgeklärt werden können. Vieles können Selbsthilfegruppen heutzutage ja abfangen, aber eben nicht alles. Für „Kleinigkeiten“ zwischendurch wäre es ideal, diese ohne großen Aufwand für PatientIn und ÄrztIn in der Online-Sprechstunde abklären zu können.

Für mich als Patientin muss Gesundheit einfacher, übersichtlicher zu managen und benutzerfreundlicher werden. Ich stelle mir meine eigene digitale Patientenakte so vor, dass alles Relevante einfließen kann – aber nicht muss. Ich selbst muss weiterhin Chefin meiner Daten bleiben und öffne mich nur soweit, wie ich mich öffnen möchte. Für mich persönlich ist es selbstverständlich und auch praktikabel, alle Daten an einer Stelle gut übersichtlich beisammen zu haben. Da ich schon lange in der Aufklärung tätig bin, stelle ich auch gerne meine Daten zu Studienzwecken zur Verfügung. So profitieren nicht nur wir von den gemachten Erfahrungen, sondern auch spätere Generationen. Wir sollten dieses Potential nutzen und „freigeben“, da künftige Therapien daraus abgeleitet und optimiert werden können. Wer das nicht möchte und/oder längere Bedenkzeit benötigt, sollte dieses Recht aber auch erhalten.

Bin ich dann beim Arzt, öffnet dieser meine Akte und hat sofort einen Überblick nicht nur über das akute Problem, sondern auch über bisherige gesundheitliche Probleme inklusive Therapien und Medikamenteneinnahme – also auch über mögliche Wechselwirkungen. Ich möchte nicht überall alles doppelt und dreifach erzählen müssen, möchte interdisziplinäre Überlegungen bereits in meiner Akte vorfinden, nicht endlos Zeit verlieren, um Akten da und dort einzuholen, erneute Termine vereinbaren zu müssen, was wichtige Intervention oft zu einem langwierigen Prozess werden lassen kann. 

Die digitale Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) wird ebenfalls ein Segen sein. Wenn man sich vorstellt, dass heute noch ein Migränepatient mit akuter Attacke, Übelkeit, Erbrechen und extremen Schmerzen in die Arztpraxis muss, um sich die Bescheinigung zu holen, dann frage ich mich, warum die digitale AU nicht schon längst umgesetzt wurde. Stellen wir uns auch den Grippekranken vor, der sich völlig lädiert in die Praxis schleppen muss, andere womöglich ansteckt und statt sich im Bett zu erholen, in ein oft überfülltes Wartezimmer zum Arzt muss. Eigentlich ja absolut unzumutbar, aber immer noch gängige Praxis.

Ebenso hilfreich stelle ich mir das eRezept vor, das den umständlichen Papierweg umgeht und Zeit einsparen kann.

Heute ist schon so vieles möglich, weiteres in der Planung und doch gibt es noch so viele Widerstände. Krankenkassen sollten Computerspezialisten oder Hackern unwiderstehliche Boni zahlen, damit sie möglichst sichere Verschlüsselungen für Patientenakten austüfteln. Man muss den Anreiz schaffen, damit sich viele schlaue Köpfe dieselben zerbrechen und Sicherheit schaffen, die es uns endlich ermöglicht, uns dem Abenteuer Digitalisierung zu öffnen. Ohne große Angst und ohne Zaudern – endlich loslegen.

Bettina Frank