116 117 – ein Blick über die Berge

26. Juli 2019

Über die 116 117 mit ihre Stärken und Schwächen wurde schon einiges berichtet. Nun wollen wir wissen, wie es in anderen Ländern funktioniert. Deshalb blicken wir über die Berge ins Nachbarland Österreich. 

Ursprünglich herrschte in Österreich ein Flickenteppich von telefonischen Gesundheitsberatungen. Die 144, die österreichische Nummer des Rettungsdienstes, kannte vermutlich noch jeder, darüber hinaus gab es z.B. in Wien alleine 60 Rufnummern für gesundheitliche Anliegen. Das Problem der überfüllten Notaufnahmen und Rettungsdienste gab (und gibt) es in Österreich genauso. Vor einigen Jahren beschloss man eine einheitliche Rufnummer als „Wegweiser im Gesundheitssystem“ zu konzipieren – das war der Startschuss der Gesundheitsnummer 1450.
2017 startete sie als Pilotprojekt in drei Bundesländern, die Anbindung der übrigen Bundesländer soll bis Ende 2019 abgeschlossen sein. 

Was kann also die 1450? Sie ist als erste Anlaufstelle für Gesundheitsprobleme gedacht und ist rund um die Uhr erreichbar. Wer sich nicht sicher ist, ob er mit seinen Beschwerden in die Notaufnahme muss oder auch der Hausarzt am nächsten Tag oder sogar einfache Hausmittel ausreichen, kann die Nummer wählen. Hier nimmt speziell geschultes diplomiertes Gesundheits- und Krankenpflegepersonal den Anruf entgegen. Die Abfrage erfolgt strukturiert anhand von über 200 Fragebäumen. Anschließend wird der Anrufer weiterverwiesen – an den Hausarzt, an den Ärztenotdienst (der ähnlich wie der deutsche KV-Dienst die Versorgung nachts und an Wochenenden abdeckt).
Stellen sich die Beschwerden als Notfall heraus, kann direkt der Rettungsdienst und Notarzt entsendet werden. In zumindest einem Bundesland gibt es einen Arzt im Hintergrunddienst, der die DGKP unterstützt. Die Beratung ist nicht dazu gedacht, eine Diagnose zu stellen, sie soll lediglich an die richtigen Stellen verweisen und kann dabei auch die nächstgelegene Stelle inklusive Öffnungszeiten nennen. Eindeutig vorgesehen ist auch die Möglichkeit, bei entsprechend leichten Beschwerden nur Verhaltenshinweise und Selbstbehandlungsvorschläge zu geben.

Momentan ist es vielleicht noch zu früh für ein Fazit, wir wollen es dennoch versuchen. Dabei danken wir der YEMA (Junge Notfallmedizin Österreich), die uns von ihren Erfahrungen berichtet haben. 

Laut Sozialministerium und Krankenkassen wird die Gesundheitsnummer in der Bevölkerung gut angenommen. In Österreich laufen mehrere große Werbekampagnen, um die Bekanntheit zu erhöhen, dennoch ist das Projekt vielen noch unbekannt. In den ländlichen Regionen ist die Bekanntheit und Auslastung höher als in Wien.

In Niederösterreich wurden etwa zwischen Januar und Mai 2019 über 21.000 Beratungen durchgeführt. Nur bei jedem vierten Anruf wurde der Rettungsdienst alarmiert, bei jedem fünften Anruf ein Besuch in einer Klinikambulanz empfohlen. Über die Hälfte der Anrufer wurden folglich „abgefangen“ und an die Strukturen außerhalb der Notfallversorgung weitergeleitet. Aus dem gleichen Bericht von Notruf Niederösterreich, der niederösterreichischen Leitstelle, lassen sich auch die häufigsten Beratungsanlässe entnehmen: Erbrechen, Brustschmerz und Schwindel.

Laut YEMA ist die 1450 eine sinnvolle Ergänzung und entlastet den Rettungsdienst. Dennoch gibt es Verbesserungsmöglichkeiten: so kann etwa ein Anrufer von der 1450 an den Rettungsdienst weiterverbunden werden, umgekehrt ist das aber bisher nicht möglich. 

Der Blick über den Tellerrand (oder in diesem Fall die Grenze) zeigt, dass es auch anderswo ähnliche Konzepte gibt. Neben Österreich ist das z.B. auch in Großbritannien, Dänemark und Schweden der Fall. Dabei lohnt es sich, die anderen Systeme anzuschauen und von deren Stärken und Schwächen zu lernen. Unserer Meinung nach kann sich der deutsche Bereitschaftsdienst hier von der Zusammenführung mehrerer Dienste, der bundesweiten Einheitlichkeit und der 24h-Verfügbarkeit inspirieren lassen.

@doctor_katze