Ein Blick zurück – Reminiszenzen an die Assistenzarztzeit

22. Mai 2019

#WunschUndWirklichkeit

Meine Zeit als Assistenzarzt ist glücklicherweise schon etwas vorbei, aber geändert hat sich das Problem immer noch nicht. Gestern habe ich mich mit einem guten Kollegen unterhalten, der immer noch in der Krankenhausmühle steckt. Darum hier mein Beitrag zu den Bedingungen im Krankenhaus. Allerdings versuche ich, Wunsch und Wirklichkeit etwas anders zu betrachten, als nur aus der Ich-Perspektive.

Was wünscht Du Dir als Patient, der die Notaufnahme betritt?

Kompetenz, Empathie, Erfahrung, zügige und rationale Diagnostik/Therapie vermute ich. Zumindest wäre das meine Priorität. Ideal wäre ein Zustand, in dem dieses für alle Patienten 24/7 erfüllbar wäre. Dann wäre sicherlich die Therapie und die Chance auf bestmöglichste Genesung gegeben.

Was erlebt Ihr als Patienten?

Häufig lange Wartezeiten in den Notaufnahmen, Bettensperrungen, die schlimmstenfalls einen Krankenhauswechsel (Verlegung/Nicht-Aufnahme) notwendig werden lassen, gestresste Notaufnahmepfleger*innen und Ärzte*innen (ich gendere das nicht weiter durch). Im Falle der Aufnahme häufig schnelle Visiten (rein-raus, wenig Zeit), Wartezeiten auf notwendige Diagnostik/OPs, viel Leerlauf, kaum individuelle Angebote, manchmal wird einfach nur der Standard abgespult. Am Wochenende sind keine Angehörigengespräche möglich und auch sonst ist der Stationsarzt kaum zu sehen. Oder? Zumindest ist diese Erfahrung häufig.

Glaubt Ihr, dass diejenigen, die im Gesundheitssystem arbeiten, dieses so wollen?

Nein, natürlich nicht. Nahezu jeder, der Medizin studiert möchte Zeit für Anamnese, körperliche Untersuchung, mal ein paar Minuten zum Nachdenken, persönliche Diagnostik (z.B. Ultraschall) und auf seinen Patienten eingehen. Wir machen den Job, damit Du zufrieden bist und wir Dir helfen können. Ich hätte mich nicht 12 Semester durch die Studienmühle gequält, würde ich das nicht wollen. Glaubt mir, das Studium ist nicht einfach – intellektuell, aber auch emotional. Der Druck ist enorm, würde man es nicht unbedingt wollen, schafft man das auch nicht. Den GuK geht das genauso – ihre Ausbildung ist ebenfalls fordernd – körperlich wahrscheinlich noch ein ganzes Stück mehr. Und die Physios müssen sogar noch ihre Ausbildung voll finanzieren. Ihr seht daran bestimmt, dass keiner seinen Job lernt, weil es ein einfacher Weg war.

Trotzdem kommt es aus Patientensicht zu Unerfreulichkeiten. Immer wieder. Woran liegt es dann? Ziemlich offensichtlich. Aus meiner Sicht ist die Arbeitsverdichtung das Problem.

Arbeitsverdichtung? Ja. Am Beispiel der Ärzte kann ich es Dir aus erster Hand erklären. Direkt von der Uni gekommen habe ich – bei bereits bestehendem Mangel – direkt eine halbe internistische Station von 20 Betten bekommen und musste zusehen, wie ich damit klarkam. Nachmittags hat ein Oberarzt die Patientenkurven nachgesehen, einmal die Woche gab’s ne Visite von ihm. Das war’s. Klar. Die theoretischen Hintergründe und medizinische Basisfertigkeiten habe ich im Studium gelernt (Untersuchen, Blutabnehmen). Aber darüber hinaus? Keine Erfahrung. Alles darüber hinaus? Musste ich nachlesen, wie in einer Bedienungsanleitung für Menschen (“Klinikleitfaden Innere Medizin”). Ihr könnt Euch vorstellen, dass es ein ziemlich steiniger Weg war – für mich und meine Patienten. Aber glaubt mir, das geht allen so.

Nach drei Monaten grassierte dann die Grippewelle unter den Assistenzarztkollegen und das Team ist von 8 auf 4 zusammengeschrumpft. Das hieß dann: doppelte Arbeit über Tag, und die erste Dienstrutsche mit 24 Stunden-Dienst alle 2 Tage. Plötzlich kamen zu den normalen Patienten, die nicht kritisch krank waren auch noch die ganzen Notfälle und Dinge dazu, die ich nur grob kannte wie Beatmungen, Intubationen, Schrittmacheranlagen, Vergiftungen, Notfallsituationen. Noch tausend Dinge mehr. Dieses dann unter Dauerstress und übermüdet. Mal auf die schnelle
Mir hat das gar nicht gefallen. Ich kann Euch sagen, dass ich dauerhaft angespannt war – zwar hatte ich eine recht steile Lernkurve im Dienst, allerdings hat mir kaum jemand etwas von dem beigebracht, es war mehr ein learning by doing.

Woran liegt das? Die Taktung im Gesundheitssystem ist richtig flott geworden, die Personaldecke dünn. Darunter leidet die Ausbildung ungemein. Als Assistenzarzt hast du kaum eine Chance außerhalb der zu bewältigenden Arbeit neue Fertigkeiten zu erlernen, weil Du selber deine Arbeit kaum schaffst (und die Ausbildung in der Regel nicht einkalkuliert wird in die Arbeitszeit). Gleichzeitig sind die erfahrenen Oberärzte damit beschäftigt, die Diagnostik zu machen (die Du eigentlich lernen solltest), damit die Patienten schnell durchgeschleust werden. Es fehlen Redundanzen/Backup-Lösungen, das System ist auf Stoß genäht. Fällt jemand aus, gibt es keinen Ersatz.

Zusammenfassend war meine Krankenhauszeit in den ersten 1-2 Jahren schrecklich. Danach ging’s. Dann waren viele Notfallsituationen eingeübt, die meisten Techniken beherrschte ich ganz gut und meine Nerven waren besser. Aber nicht alle reagieren so – ich kenne auch eine liebe Kollegin, die voller Empathie aber auch Selbstzweifeln war und daran zerbrochen ist. Sie hat nach 3 Jahren gekündigt und hat die Medizin ganz an den Nagel gehängt.

Mein #Wunsch nach einer besseren Ausbildung ging in der Praxis dann in Erfüllung. Ich hatte mich bewusst für eine geringere Wochenstundenzahl entschieden (die tatsächlich auch eingehalten wurde) und habe immer zusätzlich zu den Praxisinhabern gearbeitet. Meine Sonos wurden 1:1 vidiert, meine therapeutischen Entscheidungen kritisch korrigiert, Visiten haben wir über Monate zusammengemacht, erst nach knapp einem Jahr habe ich freier Medizin machen dürfen. Es war wie im Paradies. Am Ende des Monats fragte man mich sogar, ob ich Überstunden hätte oder mal zu einem Kongress fahren wolle. Das war mein Einstieg in eine Medizin, die ich wollte. Es ging nicht darum wenig zu arbeiten, oder viel Geld zu verdienen – nein – wichtig war, dass diese ständige Überforderung aufhörte und mir jemand sein Wissen beibrachte und meine Fähigkeiten erweiterte. Sicher. Lernkurven flachen ab, irgendwann kann und will man auf eigenen Füßen stehen. Aber gerade im Krankenhaus habe ich den Alltag leider völlig anders erlebt.

Was ich mir wünsche?

Mehr Zeit für Aus- und Weiterbildung. Sowohl im Praktischen Jahr als auch in der Assistenzarztzeit.

Wie ist das zu machen?

Mehr Personal, weniger Arbeitsverdichtung. Ich glaube gewiss, dass es auf lange Sicht zu einer höheren medizinischen Qualität und größeren Zufriedenheit bei Personal und Patienten führt.

 

Dieser Beitrag entstammt der Feder unseres Gründungsmitglieds @kaant.