Wenn #WunschUndWirklichkeit die Grätsche machen

21. Mai 2019

Einarbeitung light!

Es ist kurz vor 6 Uhr.
Ich bin neu in diesem Team, neu auf dieser Intensivstation aber nicht neu im Haus. Ich kenne seine Winkel, seine Gänge und all seine kleinen Geheimnisse noch in und auswendig. Und trotzdem bin ich aufgeregt, was mich erwartet.
Ich habe in den letzten Jahren einige Stellen verschlissen, auf der Suche nach DEM Arbeitsplatz.
Zu groß waren die Versprechungen in den Vorstellungsgesprächen und zu hart der Aufprall auf dem Boden der Tatsachen.
Auch jetzt versprach man mir eine strukturierte Einarbeitung, kein Rotationssystem durch vier (!!) Häuser, geregelte Dienstzeiten, wenig Schaukeldienste und hochmodernes Equipment.

Ich gucke auf den Dienstplan. Bin seit circa zwei Wochen hier, stehe zwar zusätzlich auf dem Plan, höre aber von meiner Kollegin: „Wieso, Schwester Unbequem kann doch jetzt auch jemanden nehmen, hat sie doch auch schon die letzte Woche so gemacht!“ Irgendwas zwischen Erleichterung, Wut und Angst ergreift mich.
Erleichterung, weil ich mehr Berufserfahrung auf einer Intensivstation nachweisen kann als meine „Mentorin“. Wut, weil es einfach anders besprochen worden ist und Angst, weil ich befürchte, den Ansprüchen der Kollegen nicht zu entsprechen – weil sie eben wissen, wie lange ich diesen Funktionsbereich schon kenne.

Die Station ist mit zehn Betten geplant und mit nur fünf belegt. ‘Glück gehabt’, denke ich mir und gehe in Gedanken nochmal die Patienten durch. Alle.  Auch jene, die mir nicht zugeteilt sind. Habe ich schon immer so gemacht.
Ich gucke in die Runde und addiere die Berufsjahre meiner Kollegen und muss feststellen, dass alle zusammen nicht an meine Berufserfahrung herankommen. Ich bin die Älteste. Druck baut sich auf und ich merke, wie ich die möglichen Komplikationen von jedem Einzelnen durchgehe, um im Notfall adäquat reagieren zu können, den jungen Kollegen helfen kann.

Ich nehme ganz selbstverständlich wie immer die Verantwortung auf mich, weil es schon normal ist. Ein Automatismus.

Meine Gedanken werden von einem „Es macht dir doch nichts aus alleine zu gehen, oder ?“ unterbrochen. Ich schüttle den Kopf, so wie ich es immer mache und gehe in Gedanken schon mal die Notfallmedikamente durch, die ich vielleicht brauchen werde.
Atropin, Supra, Amiodaron, Katecholamine, Sedativa und frage mich was der Standard in diesem Haus ist.

Ich sehe das EKG eines anderen Patienten, gucke, wäge ab. Gelächter im Hintergrund, das EKG bleibt unbemerkt. Ich fliege schnell über die letzten Laborwerte und die letzte Blutgasanalyse. „Schön ist anders“ denke ich mir, stehe auf und hole schon mal den Rea-Wagen. Auch das bleibt unbemerkt.
Ich bereite die Medikamente für den Notfall vor, rufe gleichzeitig den diensthabenden Arzt an. Als er eintrifft, wird der Patient kurz danach reanimationspflichtig.

Und während ich dabei bin, diesem Menschen sein Überleben möglich zu machen, denke ich noch, dass ich eigentlich in der Einarbeitung bin. Dass mir jemand zur Seite stehen sollte, dass ich nicht der Fokus sein sollte und nicht ich es sein sollte, der diese blöde Situation gerade managet.

Ich bin nicht überfordert, die Handgriffe sitzen. Die Kommunikation läuft, irgendwie. Aber ich merke, wie meine Kollegen nervös werden und unsicher sind. Sie kennen mich nicht und gucken argwöhnisch, als ich noch Anweisungen zu den Notfallmedikamenten gebe. Ich sollte das gar nicht machen.

Ich bin in der Einarbeitung. Ich sollte zuarbeiten und lernen, aber von wem?

Ich schweife mit den Gedanken ab, sehe mich abends am Handy, wie ich wohl wieder einen Freund, der Arzt ist, mit Fragen löchern will. Wie ich Nachrichten ins Handy hacke, es wird mir unangenehm sein, weil ich ihn damit belästigen werde und lösche die Nachricht dann doch wieder und belasse es bei einem „Hi, wie war denn dein Tag?“

Ich werde wie immer ins kalte Wasser geschmissen mit den Worten „Du machst das schon mit deiner Berufserfahrung! Da muss ich dir ja nichts erklären“

Das erdrückt mich und suggeriert mir, dass ich keine Fehler machen darf und kann. Aber genau dafür ist die Einarbeitung da, egal wie viele Jahre man Erfahrung mitbringt. Das gilt für uns Pflegepersonal, für Ärzte und für alle anderen Angestellten.

Ich bin erschöpft nach diesem Tag. Diese Reanimation sollte nicht die Letzte bleiben.

Am Ende schaue ich noch kurz über den Dienstplan und stelle ernüchtert fest, dass wenigstens das versprochene hochmoderne Equipment wirklich vorhanden ist. Alles andere wird wohl Wunschtraum bleiben. Aber ich bleibe, mit dem Wunsch nach Verbesserung für alle Seiten. Mit einem Auge auf und für neue und jüngere Kollegen.

Die Verantwortung habe ich, ob ich sie will oder nicht.

Ich will die Station verlassen, endlich nach Hause, und höre noch ein „Gut gemacht!“ von unserem Oberarzt.

 

Dieser eindrückliche Text stammt von unserem Teammitglied SchwesterUnbequem.