Einatmen – Ausatmen

21. Mai 2019

Ich kann nun wirklich nicht behaupten, dass ich nicht versucht hätte, meinen Weg und meinen Traumjob in der Medizin zu finden. Immer und immer wieder. In nahezu allen medizinischen Fachbereichen. Ich war in der Forschung tätig, in der Pathologie, in der allgemeinen Innere Medizin und in einer Landarztpraxis. Lediglich Chirurgie habe ich ausgelassen. Doch nicht aus mangelndem Interesse, sondern weil ich dort mit meinen Familienplänen keine Zukunft für mich gesehen habe.

Die Pathologie war erzürnt über meine Schwangerschaft und versetzte mich mit Baby in eine 80 km entfernte Filiale. 

Die Forschung machte mir Spaß, aber leider habe ich mir auch hier durch eine Schwangerschaft eine weitere Karriere verbaut. Der Uterus als Karrierebremse. 

Auch die klinische Medizin hat mir Spaß gemacht. Aber, ja wie soll es auch anders sein, waren die langen Dienste nicht mit meiner Familie zu vereinbaren. Kinder als Karrierebremse. 

Nachdem ich erschöpft den für den Facharzt erforderlichen Klinikpart hinter mir gelassen hatte, ging ich in eine Praxis.

Das wird viel entspannter, haben sie gesagt. 

Das lässt sich viel besser mit Familie vereinbaren, haben sie gesagt.

Die Antwort darauf ist ein klares Jein.

Der Wunsch

Mein Wunsch ließ sich klar umreißen: ich wollte wieder eine Ärztin sein, die Zeit für ihre Patienten hat und gleichzeitig wollte ich den Beruf mit meiner Familie vereinen. 

Voller Optimismus und Freude auf mein neues, entspannteres Leben als Landärztin in Teilzeit begann ich den neuen Job. 

Und war bereits nach wenigen Wochen in der Wirklichkeit angekommen.

Die Vereinbarkeit mit der Familie war aufgrund der Teilzeit-Beschäftigung und der Nähe zu meinem Wohnort sowie den fehlenden Nacht –und Wochenenddiensten durchaus gegeben. 

Ruhiger und entspannter wurde mein Leben dadurch nicht.

Die Wirklichkeit in einer Landarztpraxis – Eine Chronologie

7:45 Ich betrete die Praxis durch die Hintertür, damit mich niemand anspricht. Denn vor der Haupttüre stehen bereits 8-10 Personen und warten, dass wir uns ihrer annehmen. 

Im Personalraum besprechen wir uns kurz und versuchen, Energie für den Tag zu bekommen. Das Team ist toll und man stützt sich gegenseitig. Aber der Gedanke an den auf mich zukommenden fünfstündigen Patientenmarathon erschöpft mich.

8:00 Jeder Arzt geht in sein Zimmer und ruft die die ersten Patienten auf, die bereits vor den entsprechenden Sprechzimmern sitzen.

Ich atme ein und werfe einen Blick auf meine Terminliste. Bis 12:00 Uhr habe ich alle Viertelstunde einen festen Termin eingetragen. Parallel befinden sich auf der Liste für Patienten ohne Termin zehn Einträge. Ich atme aus.

Los geht’s. Lächeln auf’s Gesicht und den ersten Patienten hineinrufen. 

10:00 Bisher habe ich acht eingetragene Termine und acht Menschen ohne Termin behandelt. Und die Akutsprechstunde fängt eigentlich jetzt um 10 Uhr erst an.

Heute übernehme ich sie, also springe ich von Liste zu Liste hin- und her. Die Kollegen versuchen, mich zu unterstützen, haben aber bis 12 Uhr selbst etwa 50 Patienten in ihren Kalendern stehen.

11:00 22 Patienten habe ich bisher behandelt. Überall stehen Menschen. Vor den Sprechzimmern, vor dem Labor, an der Anmeldung, im Warteraum, im Vorzimmer und auf dem Gehweg. 

Ein Patient schnauzt mich an, warum er hier 20 Minuten an der Anmeldung stehen müsste. Als Dienstleisterin, zu der ich zwangsläufig in diesem System geworden  bin, kann ich nur entschuldigend lächeln und sagen, dass die Grippezeit uns leider alle fordert. „Euch erreicht man auch nie am Telefon!“ Bei 300 Anrufen am Vormittag ist ein Durchkomme tatsächlich schwierig, so sehr die Kolleginnen sich auch die Ohren blutig telefonieren.

Einatmen. Ausatmen. Weitermachen.

11:30 Ich rufe mir den nächsten Akut-Patienten auf. Er steht auf, schwingt seine  Krücke und ich wundere mich über die plötzliche Agilität. „Zu DER geh’ ich nicht!“ 

Mein angezüchtetes dickes Fell bekommt dünne Stellen. Freundlich, aber bestimmt sage ich, dass ich heute für die Akutsprechstunde zuständig bin und er keinen Termin hat. 

„S’MIR‘EGAL!“ Blafft er. „Da wart‘ich lieber noch‘ne Stunde!“

Ich kann mich nicht erinnern, ihm jemals etwas getan oder meine Arbeit nicht richtig gemacht zu haben. Ich mache präzise Diagnosen, nehme mir Zeit und bin gründlich.

Ich gehe ins Hinterzimmer und schließe die Tür. Einatmen. Ausatmen. Tränen unterdrücken.

12:00 Auf meinen Listen stehen noch sechs Patienten.

Eine junge Patientin berichtet mir, dass im Wartezimmer lauthals über uns geschimpft wird. Wir würden sie mit Absicht auf den harten Stühlen sitzen lassen. Einatmen. Die Patientin sagt: „Ich warte gerne auf sie.“ Ausatmen. Ich möchte sie vor Dankbarkeit knuddeln. 

13:00 Ich habe 40 Patienten behandelt, musste mich durch Menschenmengen ähnlich einer japanischen U-Bahn zwängen und wurde beleidigt. Ich habe nichts gegessen, nichts getrunken und schaffte es nicht zur Toilette. Ein Standardmorgen, der um 5:30 Uhr zuhause begann. Nun gönne ich mir 3-4 Spahn’sche Merci-Schokoladenriegel und fahre nach Hause.

13:30 Ich liege auf dem Sofa und komme nicht mehr hoch. Der Kopf brummt. Eigentlich habe ich nur fünf Stunden gearbeitet, doch in der Zeit 40 Patienten zugehört und behandelt, EKG’s beurteilt, Ultraschall gemacht, Verbände gewechselt, Tränen getrocknet, Therapien organisiert, mit Kollegen gesprochen, Impfungen gegeben und Krankmeldungen ausgestellt. 

Bei jedem neuen Patienten wird der vorherige aus den Gedanken verbannt, sei es noch so dramatisch gewesen. Denn der nächste Patient braucht und möchte ebenfalls die volle Aufmerksamkeit. Gehen Sie zurück auf Los, gehen sie direkt dorthin, ziehen Sie nicht 4000 DM. 40 Mal am Vormittag. Monopoly wäre längst vom Tisch gefegt worden. 

14:00 Ich muss gleich meine Kinder abholen und ihnen eine gute Mutter sein. Aber eigentlich wünsche ich mir Stille und Nichtstun. 

Später am Nachmittag kommt eine Nachricht auf meinem Handy an. Eine Patientin, der ich einen Wunsch abgeschlagen hatte, schreibt mir eine Email. Ich wäre eine Enttäuschung. 

Einatmen. Ausatmen. 

Die Wirklichkeit hat mich hart getroffen.

 

#WunschUndWirklichkeit unseres Gründungsmitglieds @SchwesterFD