#Wunsch: Lehre – #Wirklichkeit: Leere?

20. Mai 2019

Da ich mich noch im Studium befinde, bin ich von den Arbeitsbedingen im Krankenhaus (noch) nicht direkt betroffen. Und trotzdem komme ich damit immer wieder in Berührung und es hat entscheidende Auswirkungen auf meine Ausbildung.

An meiner Uni gibt es durch den Modellstudiengang bereits ab dem ersten Semester klinische Kurse, in denen wir teils auf Station gehen und dort Unterricht haben, teils kommen die Dozenten für Seminare oder Vorlesungen zu uns. Eigentlich eine tolle Idee, aber an der Umsetzung scheitert es immer wieder.

Ich studiere seit fast 2 Jahren und ich glaube, die pünktlichen Dozenten zum Untersuchungskurs kann ich an einer Hand abzählen. Die Kurse dauern immer zwei Stunden, in denen wir erst über die Theorie sprechen und dann entweder an uns selbst oder an Patienten die verschiedenen Untersuchungstechniken üben sollen. Eigentlich. Meistens sind wir nämlich erstmal damit beschäftigt, den zuständigen Arzt zu suchen. Oder irgendwen, der uns sagen kann, wo der zuständige Arzt zu finden ist. Oder überhaupt irgendwen, der mit uns redet und nicht im Stress einfach weiter geht. 

Eine kleine Sammlung von Situationen der letzten Wochen:

– U-Kurs, nach 15 Minuten gehen wir langsam mal nachfragen. Der erste Arzt, den wir treffen, hat keine Zeit und zeigt nach irgendwo Richtung Stationszimmer. Wir klopfen vorsichtig an. Eine junge Ärztin kommt raus, wir schildern ihr die Situation. Ja, sie kenne den Kollegen, wisse aber auch nicht, wo der sei und sie muss jetzt dringend weiter. Nach weiteren 10 Minuten finden wir endlich jemanden, der netterweise mal für uns beim Kollegen anruft. Der sitzt in der Ambulanz, musste für einen kranken Kollegen einspringen und hat uns vor lauter Arbeit einfach vergessen. Der Kurs begann 45 Minuten später als geplant.

– zweigeteilter, fächerübergreifender U-Kurs. Dozent hat gerade erst erfahren, dass er diesen Kurs halten muss. Ja, er ist zwar Augenarzt, aber eigentlich macht dieses Thema immer nur die Spezialabteilung der Uniklinik. Er selbst hat sich damit auch das letzte Mal im Studium beschäftigt. Und außerdem ist er erst seit wenigen Wochen auf Station, gerade erst selbst mit dem Studium fertig. Aber wir können ja mal die Folien durchgehen und dann früher Schluss machen.

– U-Kurs bei einer sehr bemühten Ärztin, die aber eigentlich in der Ambulanz eingeteilt ist. Wir sind auf einer Station, die sie noch nie vorher betreten hat und mit Patienten, die sie nicht kennt. Sie wusste überhaupt nicht, worum es im Kurs gehen soll, sie hat keinerlei Infos bekommen.

– Unterricht beginnt um 8, die Dozentin sieht sichtlich fertig aus. Erzählt, dass sie eigentlich Nachtdienst hatte und keine Minute schlafen konnte. Wir besprechen schnell die wichtigsten Punkte, bekommen die Unterschrift und gehen. Den Rest sollen wir zuhause nacharbeiten.

– Unterricht auf Station, wir sitzen in einem Nebenraum. Alle 5 Minuten klingelt das Telefon des Dozenten. Fragen nach Untersuchungsergebnissen, weiterem Vorgehen, Medikamenten und Entlassungen. Jedes Mal verliert er aufs Neue den Faden, was er uns eigentlich gerade erzählen wollte.

– Arzt schickt uns als Kurs zu einer Patientin, wir sollen eine Anamnese und eine körperliche Untersuchung machen. Er müsse noch schnell etwas erledigen, wir treffen uns in 45 Minuten wieder, um die Ergebnisse zu besprechen. Bei der Untersuchung waren wir sehr unsicher, aber eine Chance, währenddessen Fragen zu stellen oder sich etwas nochmal zeigen zu lassen gab es ja leider nicht. Nach Ablauf der Zeit warten wir noch weitere 25 Minuten, bis er wieder da ist.

Man kann den Ärzten absolut keine Vorwurf machen, dass bei den klinischen Kursen so vieles schief läuft. Die Planung liegt nicht in ihrer Verantwortung. Sie können nichts dafür, wenn sie plötzlich mitten im Stationsalltag alles stehen und liegen lassen sollen, um „mal eben“ Studierende zu unterrichten. Es ist nicht ihre Schuld, dass sie erst kurz vor Kursbeginn Bescheid bekommen oder dass alle Räume der Station, in denen man Unterricht machen könnte, belegt sind. Die Ärztin, die nach Ihrem Nachtdienst noch dazu verdonnert wurde, uns zu unterrichten, tat uns einfach nur leid. Aber im Endeffekt sind wir Studierenden die Leidtragenden. Und die Patienten, die in Zukunft von Ärzten behandelt werden, die das zwar alles in der Theorie mal gelesen hatten, aber nie die Chance zum Üben bekamen. In der Prüfung am Ende des Semesters werden praktische Fähigkeiten von mir verlangt, die mir nie jemand gezeigt hat.

Mein Wunsch wäre es, dass die Lehre viel stärker in den Alltag integriert wird. Dass die Ärzte freigestellt werden, wenn sie Studierende unterrichten sollen. Es ergibt keinen Sinn, den Stationsarzt während der Visitenzeiten für einen Kurs einzuplanen. Oder anders herum jemanden für die Visite vorzusehen, der gerade unterrichtet. Wenn schon weit im Voraus bekannt ist, dass in einem bestimmten Zeitraum viele Kurse stattfinden werden, dann muss man zusätzliches Personal einplanen. Und diesem Personal rechtzeitig Bescheid geben. Wenn ein Dozent einmal die Woche einen Kurs fest betreut, dann sollte dies im Dienstplan berücksichtigt werden. Es sollte so etwas wie ein Handbuch oder eine Schulung geben für die Dozenten, sodass sie wissen, was wir eigentlich lernen sollen. Und auch die Zeit für die Vorbereitung sollte in der normalen Arbeitszeit integriert werden. Ja, mehr Personal kostet Geld, aber im Endeffekt bleibt nichts anderes übrig. Auf der Demo für ein faires PJ stand auf einem Banner „Gute Lehre kostet Geld, schlechte Lehre kostet Leben!“ und ich denke, das trifft es ganz gut.

Ich habe innerhalb der zwei Jahre Studium und auch durch den Austausch auf Twitter den Eindruck gewonnen, dass viele Ärzte Lust auf guten Unterricht haben und uns ihr Wissen gerne vermitteln würden. Man lässt sie nur nicht. 

Und wir Studierenden wollen etwas lernen, wir haben ein Berufsziel vor Augen. Aber die Berichte, die ich hier über die Arbeitsbedingungen gelesen habe, finde ich erschreckend. Ich wurde schon mehrfach gefragt, ob ich mir das wirklich antun möchte. Ich solle mir das gut überlegen, worauf man sich da einlässt.
Ich wünsche mir sehr, dass sich die Bedingungen ändern. Zum einen für eine gute Lehre und zum anderen auch dafür, dass ich mit Freude auf den späteren Beruf blicken kann und später einmal gut ausgebildet in den Arbeitsalltag starten werde!

 

Der Dank für diesen Einblick ins heutige Medizinstudium geht an unser Teammitglied @zirkus_kind!