#WunschUndWirklichkeit – Erfahrungen, auf die ich gerne verzichtet hätte… der sehr persönliche Bericht einer Angehörigen

19. Mai 2019

Für die Mitarbeiter*innen im Gesundheitswesen sind ihre Arbeitsbedingungen oft eine erhebliche Belastung. Viele arbeiten unter schlechten Rahmenbedingungen viele Jahre oder gar ihr ganzes Berufsleben. Schlechte Arbeitsbedingungen schaden den Mitarbeiter*innen – eine negative Arbeitswelt macht unzufrieden und krank. Sie belastet die Angehörigen der Gesundheitsberufe aber auch, weil sie ihren Patient*innen nicht die medizinische Versorgung bieten können, die sie gerne würden.

Ganz zu schweigen davon, dass die Patient*innen nicht nur unter der jeweiligen Erkrankung leiden, sondern eine Linderung der Leiden auch durch die Überlastung der Mitarbeiter*innen konterkariert wird.

Patienteninteressen und die Gesundheit und Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiter*innen müssen uns allen ein Ansporn sein, die belastenden Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen zu verbessern.

Wir sind dankbar, dass wir für unsere Themenwoche zu Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen auch diesen sehr persönlichen Beitrag einer Angehörigen erhalten haben:

   #WunschUndWirklichkeit-  Erfahrungen, auf die ich gerne verzichtet hätte…

Als ehemalige Auszubildende im Gesundheitsbereich sind mir bestimmte Abläufe und Zustände sehr vertraut. 

Der gesundheitliche Zustand meines Vaters führte mich diesmal aber als Angehörige in zwei Krankenhäuser. 

Mein Vater bat im Oktober um eine Einweisung, da er stark sturzgefährdet war und bei kleinster Belastung erbrechen musste. Woraufhin ihm von einem Hausarzt gesagt wurde, dass er im Krankenhaus lediglich kränker werden würde. Im November ließ er mehr Dinge fallen, zusehends wurde seine linke Seite schwächer und er hat verwaschen gesprochen.

Bei den folgenden Praxisbesuchen wurde sein Gesundheitszustand nicht wirklich gesehen. Als ich wieder zu Besuch war ging ich in die Praxis und musste auf eine Einweisung bestehen, da ich das nicht länger mitansehen wollte.

Mein Vater kam daraufhin in eine Uniklinik, in der wirklich engagierte Ärzte waren. Es war dem behandelnden Arzt scheinbar sofort klar, dass hier ein Patient kam, der eine eher ungewöhnliche/unbekannte Erkrankung hat. Zwei Wochen Diagnostik blieben ohne Ergebnis.

Zusätzlich hatte mein Vater wieder Krebs, der operiert werden sollte. Der Termin war allerdings in einer anderen Klinik, woraufhin er erstmal ohne richtige Diagnose nach 2 Wochen entlassen wurde.

Ich schildere hier den Zwischenaufenthalt in dem 2. Krankenhaus:

Die Nacht verbrachten wir zu Hause, allerdings hatte es geschneit und war entsprechend glatt draußen. Daher traute ich mir keinen sicheren Transport zum Termin zu und ich bat den Hausarzt um einen Krankentransportschein. Die Praxis war ziemlich voll und der Termin rückte näher. Daher gab ich in der Klinik Bescheid, dass es leider durch den Transport zu Verspätungen kommt. 

Als wir eintrafen, wurde deutlich, dass diese wichtige Information klinikintern nicht weitergeleitet worden war.

Im Aufnahmegespräch wurde behautet, wir seien als Notfall gekommen. Dabei lag ein Transportschein vor. Außerdem wurde meinem Vater beim Schildern der Symptome nicht zugehört. Die zum Krebs hinzugekommene Symptomatik veranlasste die Aufnahmeärzte zu einem neurologischen Konsil, dabei lag ein 11-seitiger Arztbrief aus einer Neurologie vor. In diesem wurde um ein CT des Kopfes und Oberkörpers gebeten. Als Angehörige sollten wir das auch persönlich noch einmal ansprechen, da der Krebs gestreut haben könnte→ 2. Verdacht aus der Uniklinik.

Der Chefarzt führte uns daraufhin (im Fünfbettzimmer) aus, was für Arbeit in der Begründung stecke. Er müsse einen Oberarzt eine Stunde entbehren-> hätte der Arztbrief Beachtung bekommen, dann hätten sie die Empfehlung des übermittelnden Neurologen gesehen.

Der Umgang mit uns wirkte insgesamt arrogant, von oben herab und absolut nicht patientengerecht.

Außerdem war die dünn besetzte Pflege sichtlich überfordert, dem weiter körperlich abbauenden Patienten gerecht zu werden. Wenn er Hilfe brauchte wurde ihm unterstellt, einfach zu faul zu sein. Und mobilisierende Therapien wurden nicht in die Wege geleitet. 

Schon vor der geplanten OP war es meinem Vater nicht mehr möglich, alleine zu sitzen geschweige denn zu stehen. In der Nacht nach der OP war eine Not-OP nötig, da es zu Blutungen kam. Kein medizinisches Personal informierte uns als Angehörige über diese Maßnahme. Etwas, das ich der Überlastung zuschreiben würde. 

Als wir uns erkundigten, wieso es dazu kam, wurde dem Patienten die Schuld gegeben, denn er hätte nicht aufstehen dürfen. Der Einwand, dass er das eigentlich vorher schon nicht mehr konnte wurde einfach ignoriert. 

In den 2 Wochen auf dieser Station sahen wir, trotz mehrfacher Bitten, keinen behandelnden Arzt, der uns hätte Fragen zum Verlauf beantworten können. Erst als wir auf Akteneinsicht bestanden, wurde ein Arzt gefunden, der unsere Fragen beantwortete. Dieser war allerdings nicht für den Patienten zuständig.

Das erbetene CT wurde nicht ausgeführt. 

Innerhalb der Klinik wurde er nach 2 Wochen verlegt. Die aufnehmende Ärztin war sehr irritiert, denn eigentlich wäre ein entsprechendes CT Standard.

Nach 3 Wochen und 2 Stationen in besagter Klinik ging es wieder zurück in die Uniklinik.

Hier übernahm wieder die Neurologie meinen Vater, der inzwischen im Rollstuhl saß und für den wir uns um einen Pflegeheimplatz bemühten. 

Inzwischen war Februar und noch immer gab es keine Diagnose.

Auch in diesem KH war die Pflege von dem immer schneller werdenden körperlichen Abbau überlastet. Wenn mein Vater an dem einen Abend noch selber Zähne putzen konnte, dann war unklar, ob das am nächsten Morgen immer noch so sein würde. 

Wäre der Pflegeschlüssel besser aufgestellt, dann hätte dieser Verlauf besser beobachtet werden können und es wären Gespräche mit den Patienten möglich gewesen.

Nun wurde hier ein CT gemacht, das nichts Ungewöhnliches zeigte. Ein MRT war auf Grund eines älteren Herzschrittmachers eigentlich nicht möglich. Da die Krankheit weiter voranschritt, wurde ein Aufenthalt auf der Intensivstation nötig.

Kurz darauf machte der Neurologe es möglich, dass 4 verschiedene Fachärzte gleichzeitig bei einem MRT Gerät zusammenkamen und unter Lebensgefahr für meinen Vater diese wichtige Untersuchung gemacht werden konnte. Hier zeigten sich viele Entzündungsherde im Gehirn, eine 2. Lumbalpunktion führte dann zur Diagnose. 

Sechs Tage nachdem wir diese erfuhren, verstarb mein Vater auf der Palliativstation.

Der Abschied von der Neurologie war unglaublich herzlich und eine Krankenschwester hatte Tränen in den Augen. Natürlich war hier auch nicht alles perfekt, aber das haben wir auch nie erwartet. Die „kleinen Dinge“ haben es ausgemacht: das Einzelzimmer nach der Intensivstation, ein immer ansprechbarer Arzt und auch wirklich engagierte Pflegekräfte. 

Abschließend lässt sich aus unserer Sicht sagen, dass wir in seinem gesamten Krankenverlauf (über Jahrzehnte) mehr negative als positive Erfahrung gesammelt haben. Eigentlich gab es nur diese eine positive Erfahrung…

Für Angehörige und erst Recht für Patienten sind empathische Pflegekräfte und Ärzte unglaublich wichtig! 

Das geht aber meist nur, wenn genug Personal vor Ort ist. Niemandem ist geholfen, wenn man von Patient zu Patient hetzt. Da gehen nur wichtige Informationen verloren. Außerdem macht es Patienten und Angehörigen Angst. Und diese Angst führt schlimmstenfalls zu Unverständnis oder Aggressionen. 

Ich möchte, dass alle im Gesundheitssystem Tätigen ein Umfeld haben, in dem sie Zeit für die ihnen anvertrauten Menschen haben. 

Es sollte ein Personalschlüssel vorhanden sein, bei dem niemand auf der Strecke bleibt. Und es sollte auch auf genügend Freizeit zwischen den Diensten geachtet werden. 

 

Diesen sehr persönlichen Einblick gewährte uns @Fifi89045984, wir sind sehr froh Menschen wie sie im Team zu haben, denn auch wenn wir alle von Zeit zu Zeit selbst Patienten und Angehörige sind, können wir natürlich unseren medizinischen Hintergrund nicht ausschalten und haben dadurch einen evtl. anderen Blick auf das ganze System. Doch gerade der ungetrübte Blick von Angehörigen und Patienten stellt eine Bereicherung für das Twankenhaus dar.