Gebirgsmedizin

19. Mai 2019

Neunzehn, dick, hässlich, aber einigermaßen gutes Abitur – da steht einem die Welt offen. Haben jedenfalls alle gesagt. Und ehe ich mich versah, stand ich gar nicht in Stephen-Fry-Manier mit einem Glas Single Malt am knisternden Kamin einer britischen Literatur-Uni, tief im intellektuellen Diskurs mit meinen fellow intellectual Kommilitonen. 

Ganz im Gegenteil war ich eine ess- und trinkgestörte Medizinstudentin: gar nichts essen und sehr viel Alkohol trinken, aka „Speicher löschen“ nach absolviertem Hirn-Testat. 

Medizin. Helfen, heilen, tief im Diskurs mit dankbaren, empathiebedürftigen Menschen. Hippokrates. Große, weiße Welt. In Wirklichkeit drohte gerade die Zulassung zum Physikum zu scheitern, weil ich nicht ausrechnen konnte, wieviel Gewicht auf einem Lastwagen ist, auf den eine Mücke mit 70 km/h pro Stunde springt, wenn der Lastwagen 120 km/h fährt. Oder so ähnlich. Ich verstand nicht mal die Fragen in der dritten Wiederholung der Physikklausur. 

Dann irgendwann nächster Berg: Promovieren. Richtiger Doktor werden, damit später auch alles gut aussieht auf dem Namensschild. Aber auch, und schwerwiegender: Krebs bekämpfen, endlich helfen und heilen. Jahrelanges Ausmessen von Tumorbeulen auf immundefizienten Mäuserücken, Silvester und Weihnachten im Tierstall mit Mundschutz verbringen. Hehre Ziele für die Menschheit. In Wirklichkeit fand ich ein oder zwei interessante Dinge heraus, hatte ständig Cyclophosphamid auf den Klamotten und verfiel überlastungsbedingt in depressive Krisen, aber die Menschheit bekam leider von allem gar nichts mit. Und außerdem gab es plötzlich Antikörper, die viel hipper und wissenschaftlicher waren und -honi soit qui mal y pense- noch Patentschutz hatten.

Und ehe ich mich schon wieder versah, arbeitete ich schon zwölf Jahre im Krankenhaus. Krankenhaus ist das, was immer in der Zeitung steht, diese komische Unheilfabrik, wo es allen schlecht geht. 

Helfen, heilen, Ohr-Operateurin werden. Ich sah in einer Famulatur jemanden an der zarten Gehörknöchelchenkette operieren und hatte mein erstes berufliches Schlüsselereignis. Das wollte ich machen, und auch nur das. Diese winzigen, milchigen Strukturen wieder in Ordnung bringen. In Wirklichkeit besuchte ich ein paar Felsenbein-Bohrkurse und erfuhr mit der Zeit, daß Ohr-Operationen nur von einer ausgewählten, heiligen, überwiegend männlichen Supergruppe durchgeführt werden können. 

Derweil durchwachte ich 24-Stunden-Dienste, ließ mich da von Betrunkenen bepöbeln, operierte nie ein einziges Mittelohr und führte tagsüber mit Nicht-Betrunkenen Deeskalationsgespräche. 

Das tut mir leid, leider können wir Sie doch nicht operieren, leider gab es heute einen Notfall. (= Leider haben wir keine Anästhesie-Pflege.) Das tut mir leid, es ist heute sehr viel los. (= Es gibt leider nur mich für die ganze Station.) Das tut mir leid, die Physiotherapeutin kommt bestimmt noch. (= Es wird überhaupt nie jemand kommen, weil unsere Handvoll Physiotherapeuten Prioritätenlisten hat, und Sie stehen da überhaupt nicht drauf.  )

Helfen, heilen, sich für das Versagen eines Systems entschuldigen.

Ich hatte irgendwann nichts mehr auf der Haben-Seite, was meine Tätigkeit im Krankenhaus irgendwie noch hätte rechtfertigen können, aber ich wußte ja, wo das Gras viel grüner war.

Nämlich im feindlichen Lager bei den Niedergelassenen. Bei den Golfern und Wohlstandsverwahrlosten, bei diesen Typen, die keine Ahnung von Medizin hatten und im Grunde Halbtagshasen waren. Geregelte Arbeitszeiten, menschenwürdige Behandlungskonzepte, nie wieder gegen das eigene Gewissen arbeiten.

Endlich helfen und heilen, wie ich es mir eigentlich gedacht hatte.

Krankenhaus? No, no, non esistono più / It’s time to say goodbye. Zuversichtlich und blind auf zu neuen Ufern.

Um in die bessere, sicherere, in allem reichere Praxiswelt zu kommen, braucht man erstmal Geld und dann einen guten Anwalt, der einen sicher durch die Turbulenzen des Zulassungsausschusses schleust. Dann besorgt man sechsstelliges Geld, um alles zu erwerben, wenn der Zulassungsausschuß gesagt hat, daß man es erwerben darf. Macht nichts, der Weg zum Helfen und Heilen war schon immer steinig, ein Gebirge mehr oder weniger macht da auch nichts mehr. Im Hinterkopf zwickt der unangenehme Gedanke, daß bisher hinter keinem der diversen Gebirge ein Helfen und Heilen aufgetaucht war. Komm, nicht dran denken. 

Ein Flugzeug stürzt glaube ich, relativ schnell ab, da ist es wohl kurz unangenehm und dann auch vorbei. In der Praxis ist alles viel langsamer. Zuerst denkt man noch, man fliegt, und dann kommt der Aufprall erstmal an jedem 1. des Monats, wenn Versicherungen, die man bisher mehr so vom Namen kannte, nicht vorhandenes Geld abbuchen.  

Aber weil man als Arzt auf Geld überhaupt keinen Wert legen darf, weil das unmoralisch und kohlegeil und Golfplatz wäre, macht das nichts. Die Hauptsache ist, nicht die Medizin zu machen, die es im Krankenhaus gab. Helfen und ja genau, Qualitätsmanagement. Betriebsarzt suchen. Hygienebegehungen. Personalführung. Reinigungskraft krank, Böden schrubben und Drucker reparieren. Reserven anlegen für die Monate, in denen die KV zu spät überweist. Eltern um Geld bitten. Sauer auf die Krankenhausleute sein, weil die überhaupt keine Ahnung von richtiger Arbeit haben. Wieder zurückwollen.

Nach einem Quartal ist das Studium-Feeling zurück. Ess- und trinkgestört werden und Dinge auf Zetteln nicht verstehen. Der Arbeitstag beginnt zwar morgens nicht mehr um zehn nach sieben, dafür hört er aber monatelang auch nicht mehr auf. Zumindest wahrscheinlich bis zur ominösen ersten Nachverrechnung, die ist aber erst im August. Alle beglückwünschen einen. 

Im Kopf sind ausschließlich Ziffern und Scheinzahlen, im Wartezimmer ist Gepöbel, im Magen drücken Likes und Favs bei Jameda und Sanego. Ausflüge mit den Kindern an den nun immer freien Wochenenden fallen immer aus, weil die Arbeitswoche siebzig Stunden hat. Dauerdienst. Nach 24 Stunden leider nicht nach Hause. 

Helfen und heilen. Laute, knallrote Worte, die im zweiten Quartal schon viel leiser sind und sukzessive durch Scheine und Ziffern ersetzt werden, bis man bei der Medizin angekommen ist, die man nie machen wollte und wegen der man das Krankenhaus verlassen hat. 

Ich weiß nicht, ob sich hinter dem aktuellen Berg vielleicht doch noch das sehnlichst gewünschte Medizinland versteckt. 

Aber fuck it, ich ziehe am Montagmorgen wieder die Steigeisen an und sage vielleicht irgendwann Bescheid, daß ich es gefunden habe. 

 

Ungeschminkte, ehrliche Worte von unserem Gründungsmitglied @ninibela1.