#Arbeitsbedingungen in der ambulanten Physiotherapie

18. Mai 2019

Mehr Zeit für die Behandlung bitte! Keine Fließbandarbeit!

10 Minuten vor acht schaue ich in den Terminplan, was mich heute erwartet, welche Patienten heute zu mir kommen. 

Oh je, einer dieser Tage. Nur Patienten zur Physiotherapie und 2 zur Massage im Plan. Nicht falsch verstehen, ich liebe meinen Beruf und mache tatsächlich lieber Physiotherapie als Massage oder Lymphdrainage.
Das Problem liegt woanders.

Ich darf in vier Stunden zwölf Patienten behandeln. 18-20 Minuten pro Patient – Fließbandarbeit. Dazwischen muss ich Hände waschen und in den nächsten Raum gehen. Laut Krankenkasse wären übrigens 15 Minuten Behandlung auch schon ausreichend. Sobald ich zwischen zwei Patienten etwas trinke oder auf Toilette muss, bin ich in Verzug. Mit einem Arzt noch was abklären? Wann? Wenn ich zwei Minuten Zeit habe, weil mal ein Patient spät dran ist, dann hat garantiert der Arzt gerade keine Zeit.

Besonders bei neuen Patienten reicht mir diese Zeit so gut wie nie. Feierabend mache ich selten pünktlich und ich bin froh, dass ich nur Teilzeit arbeite mit 25 Stunden in der Woche. Der 20-Minuten-Takt laugt mich aus. Und das geht vielen Kolleginnen und Kollegen genauso.

Ich muss die Anamnese, die Krankengeschichte und die aktuellen Beschwerden des Patienten erfragen. Auf der Verordnung steht leider selten viel Information. Nur nach manchen OPs bekommen wir einen Bericht und einen Behandlungsplan des Chirurgen. Meist steht nur so etwas wie LWS-Syndrom – also Rückenschmerzen oder Rotatorenmanschettenläsion – also Schulterprobleme auf der Verordnung. Immer wieder sagen Patienten sogar, dass sie eigentlich ganz andere Beschwerden hätten, der Arzt aber einfach mal was aufgeschrieben hat.

Um adäquat behandeln zu können, muss ich schon ein wenig mehr wissen. Deshalb muss ich den Patienten auch ansehen und den ein oder anderen Test machen oder ihn die Schmerzen verursachenden Bewegungen zeigen lassen. Damit vergeht bereits viel Zeit, ohne dass ich bereits ‘behandelt’ habe. Auch für die weiteren Behandlungen sind 20 Minuten sehr knapp bemessen bzw. meist schlichtweg nicht ausreichend. Ich muss dem Patienten seine Beschwerden, die Ursachen, Zusammenhänge und Maßnahmen erklären und ihm Übungen für zu Hause und Tipps für den Alltag mitgeben. Ich muss natürlich je nach Problem auch verschiedenste physiotherapeutische Techniken anwenden und beim nächsten Termin überprüfen, wie der Patient mit den Übungen zurecht kommt. Die Anzahl der verordneten Behandlungen wird seit Jahren weniger, da durch die Budgetierung der Druck auf die Ärzte wächst immer weniger zu verordnen. Doch wie soll ich in 6 x 20 Minuten alle Beschwerden des Patienten beseitigen? 

In diesen 20 Minuten sollte ich natürlich auch noch die Dokumentation der Behandlung schreiben und am Ende einen Therapiebericht für den Arzt. 

Warum in der Behandlungszeit? Weil wir diese Zeit nicht bezahlt bekommen, für den Therapiebericht wird nur das Porto erstattet. Wenn ich das also außerhalb der Behandlungszeit mache, ist es entweder in meiner Freizeit oder es geht auf Kosten meiner Chefin, die mich zwar für die Zeit bezahlen muss, von der Krankenkasse dafür aber kein Geld bekommt. 

Immer noch das Problem mit der Vergütung

Ja, wir bekommen ab Juli nochmals mehr Geld. Das ist richtig und es ist überfällig. Es klingt wahnsinnig viel, dass wir dann in 3 Jahren Vergütungssteigerungen von 30 % bekommen haben und die Preise ab Juli für alle Bundesländer gleich sein werden – endlich. Aber über viel zu viele Jahre zuvor hatten wir Steigerungen unterhalb der Inflationsrate und damit de facto eine Minusentwicklung. Die Nebenkosten sind gestiegen, die Vergütung und die Löhne nicht. Ein Praxisinhaber kann nicht mehr Lohn zahlen, als er einnimmt. Die Inhaber kleinerer Praxen verdienen meist nicht mehr als ihre Angestellten – wenn man die Zeit für Bürokratie mit zählt und den Stundenlohn berechnet oft sogar weniger. 

Der Verdienst von angestellten Physiotherapeuten in Kliniken ist nach wie vor um ca. 30 % höher als in Praxen. In Zeiten des Fachkräftemangels ist es so für Praxisinhaber noch schwieriger Therapeuten zu finden. 

Fachkräftemangel und Burn-Out

Die schlechten Verdienstaussichten mit drohender Altersarmut und ohne Aufstiegschancen sind mit Ursache des Fachkräftemangels. Die Arbeitsbedingungen mit Zeitdruck und überbordener Bürokratie ein weiterer. Immer mehr Therapeuten kehren ihrem Beruf den Rücken und suchen sich einen lukrativeren Job oder zumindest einen weniger stressigen. Immer häufiger hört man von Kolleginnen und Kollegen mit Burn-Out und Praxisinhabern, die ihre Praxis aufgeben, weil sie keine Angestellten finden. Zwischen laufenden Kosten, Wartelisten von Patienten, zu vielen Arbeitsstunden und Bürokratie werden sie aufgerieben. Es ist traurig, wenn aus motivierten, guten Therapeuten frustrierte und leidende Menschen werden – wie so oft in sozialen Berufen.

Und wer nicht aussteigt sucht oft Rettung im Selbstzahlerbereich. Da werden immer mehr Physiotherapiepraxen zu kleinen Fitnessstudios, die so zwar gut die Aktivität ihrer Patienten fördern und eine gute Betreuung anbieten, aber enorme Anschaffungskosten haben, die sich erstmal rechnen müssen. Andere verlagern sich auf Osteopathie und machen ihren Heilpraktiker, damit sie nicht auf Verordnungen vom Arzt angewiesen sind und höhere Preise verlangen können, als die Vergütung der Kassen bietet.

Dauerthema Schulgeld

Heilmittelerbringer / Therapeuten machen meist eine Ausbildung an einer Berufsfachschule. Die Akademisierungsquote liegt bei gerade einmal 2 %. Die meisten davon sind von privaten Anbietern und müssen deshalb Schulgeld verlangen. Über Jahrzehnte haben Therapeuten in ganz Deutschland ihr Berufsleben daher mit einem Berg Schulden begonnen – 26.000 Euro sind keine Seltenheit. Es ist unglaublich, dass es oft von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern abhängt, ob eine Ausbildung zum Therapeuten möglich ist oder nicht oder eben Schulden gemacht werden müssen. Und mit einem Anfangsgehalt von oft unter 2000 Euro brutto dauert es lange, diese Schulden wieder abzubezahlen.

Die Proteste des vergangenen Jahres und die Unterstützung durch Politiker wie Dr. Roy Kühne haben dazu geführt, dass jetzt in ein paar Bundesländern die Schulgeldfreiheit durchgesetzt wurde. Aber an vielen Schulen müssen nach wie vor monatlich 300 – 450 Euro gezahlt werden, um Physio- , Ergotherapeut, Logopäde, Podologe oder Diätassistent zu werden. Deshalb gehen die Proteste und Aktionen z.B. von #TherapeutenAmLimit und den Vereinten Therapeuten weiter. 

Weitere Kosten – Fortbildungen

Nach der Ausbildung ist es mit den Kosten nicht vorbei. Besonders in der Physiotherapie ist man nach der Ausbildung erst ein ‘halber’ Therapeut. Ohne Fortbildungen in Manueller Lymphdrainage, Manueller Therapie oder Bobath-Therapie ist man in der Praxis nur teilweise einsetzbar. Ohne die entsprechenden teuren Fortbildungen und Zertifikate darf man bestimmte Behandlungen nicht durchführen, selbst wenn die Techniken in der Ausbildung unterrichtet wurden. Die Kosten von mehreren tausend Euro muss teilweise der Therapeut selbst oder der Praxisinhaber tragen und zusätzlich werde freie Tage oder Urlaubstage dafür benötigt. Die Vergütung für die entsprechenden Behandlungen ist jedoch nur wenig mehr als für ‘normale’ Krankengymnastik. 

Neben den sogenannten Zertifikatsfortbildungen gibt es noch unzählige weitere Fortbildungsangebote. In diesem Beruf lernt man nie aus und die meisten Therapeuten gerne dazu, um ihre Behandlungen zu verbessern. Die meisten dieser kleineren Fortbildungen finden an Wochenenden statt, damit zumindest nicht immer der Urlaub dafür drauf geht…

Budgetierung und Bürokratie

Die Budgetierung der Heilmittel und die überbordende Bürokratie sorgen am Meisten für Stress in den Praxen und prägen die schlechten Arbeitsbedingungen seit Jahren zunehmend. Bisher haben alle angekündigten Verbesserungen nur zu Verschlechterungen geführt. Die Probleme damit betreffen nicht uns Therapeuten alleine, auch die Ärzte sind belastet durch dauernde Änderungswünsche von Praxen wegen fehlerhafter Verordnungen. Doch leider gibt es hier nur selten ein Miteinander, häufiger lässt der eine seinen Frust am anderen aus. Arztpraxen weigern sich Verordnungen zu korrigieren, weil sie vor lauter Faxen und Anrufen gestresst sind, Therapeuten sind genervt, weil trotz neuer Arztsoftware so viele Verordnungen falsch ausgestellt sind. 

Das größere Problem haben die Therapeuten, da falsch ausgestellte Verordnungen von den Krankenkassen schlichtweg nicht vergütet werden.

Die Heilmittelerbringer sind verpflichtet die Verordnungen zu prüfen. 

Das klingt nach einem kurzen Blick, bedeutet aber viel Zeit und Aufwand. 

Sobald ein Kreuzchen an der falschen Stelle sitzt, eine Frist um einen Tag überschritten wird oder ein Schlüssel nicht zur Diagnose passt, gibt es für die vom Arzt verordnete und vom Therapeuten erbrachte Arbeit kein Geld. Das führt zu regelrechter Paranoia und dazu, dass Verordnungen mehrmals überprüft werden, weil eben jeder von uns auch nur ein Mensch ist und Fehler macht. Beispiele gefällig:

Am frühen Morgen ist man gedanklich noch beim Datum des vergangenen Tages, ups, ausbessern und gut? Nein, ohne extra Unterschrift des Patienten zur Bestätigung des Datums geht das nicht, sonst gibt es kein Geld für die Behandlung. Und Tippex ist sowieso verboten. Der Patient wusste nicht, dass die Verordnung innerhalb von 14 Tagen begonnen werden muss und meldet sich erst nach zwei Wochen oder der Arzt hat spaßeshalber den Behandlungsbeginn auf den Tag nach der Ausstellung geschrieben? Tja, dann ist die Verordnung ungültig, außer der Arzt ändert sie oder bestätigt zumindest telefonisch, dass der Behandlungsbeginn später sein darf – telefonische Absprache wird jedoch auch nicht von jeder Krankenkasse akzeptiert, was bedeutet – kein Geld!

Fazit: 

Ob Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie oder Podologie. Es sind tolle Berufe, es sind wichtige Berufe. Aber es braucht noch viele Verbesserungen, damit sie zukunftsfähig werden und die darin Arbeitenden wieder mit Freude ihren Patienten helfen können!

Ein herzlicher Dank für diesen umfassenden Einblick geht an unser Teammitglied @LSollik!