Vereinbarkeit war mir suspekt @NiniBela

8. März 2019

Als kinderlose Jungassistentin waren mir diese Kollegen-Eltern immer suspekt. Die hatten nie Zeit, mussten immer nach Hause, wenn ich noch an meinem 27. Arztbrief geschraubt habe, waren mit ihren Sachen immer schon fertig, hatten blitzschnell Konzepte und sind nie mit in die Kneipe gekommen. Ich hatte kein Verständnis für Kinder und noch weniger für Eltern.

Irgendwann hat es mich selbst getroffen und ich war eine Fachärztin mit zwei Kindern in Elternzeit. Ich hatte schlaflose Nächte vor dem Wiedereinstieg in einen Beruf, den ich dreieinhalb Jahre nicht ausgeübt hatte. Ich war eine scheinbare Latte-Macchiato-Muddi, die plötzlich wieder 24-h-Dienste wegrocken sollte, als wäre nichts gewesen.

Mit einem Teilzeit-Kardiologen als Ehemann und einer modernen!, zeitgemäßen! Arbeitseinstellung. Bloß nichts anmerken lassen, wird schon klappen im Zeitalter der Vereinbarkeit. Im richtigen Leben kam dann schnell die Erkenntnis, dass die Krankenhaus-Arbeitswelt ein weitgehend antiquarisch anmutendes Konstrukt aus Unflexibilität, angerosteten Berufsvorstellungen und hin- und hergerissenen Erwartungshaltungen ist.

In der Logistikfalle gab es jedoch etwas Neues, was ich mit Erstaunen an mir selbst beobachtete: Ich war strukturiert, schmerzbefreit, effektiv, konnte in Windeseile vorausschauende Entscheidungen treffen, und wenn sie mal nicht richtig waren, beherrschte ich agiles Management. Und warum? Weil ich nach dreieinhalb Jahren mit einem Minimum an Schlaf, unzähligen Spielplatzausrastern, Zahnungsdramen, endlosen Diskussionen über verlorene Legoteile und dem alltäglichen Familienwahnsinn die Oberhand behalten hatte. Einigermaßen zumindest. Der anstrengende Job ist zuhause, nicht bei der Arbeit. Das Eltern-Dasein lehrt einem Skills, die nach vorne bringen. Den Arbeitgeber, die Kollegen und uns Eltern selbst.

Ich habe das Krankenhaus hauptsächlich wegen der für mich nicht familientauglichen 24-h-Dienste verlassen und hätte so viele negative Dinge zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Arztberuf zu sagen.

Aber ich möchte etwas Positives beitragen: das Leben als Eltern schenkt einem ein ungeahntes Potential an Fähigkeiten für den Beruf. Struktur, Durchhaltevermögen, Belastbarkeit, Kommunikationsstrategien, Konzentration aufs Wesentliche- um nur einige zu nennen. Und ich würde mir wünschen, dass diese Fähigkeiten die Wertschätzung erfahren, die sie verdienen.

NiniBela